


Dr. theol. Katarína Kristinová
Dr. theol. Katarína Kristinová
Alles Konstrukt oder was?
Ist die Offenbarung noch zu retten?
in: GOTT – NUR EIN KONSTRUKT?
Über konstruktivistisches Denken in der Theologie
Herausgegeben von Norbert Brieden und Jonas Maria Hoff
1. Problemstellung: Konstruktionalität der Wirklichkeit als Ende der
Offenbarung?
Mit einer beispiellosen wissenschaftlichen Redlichkeit ging der evangelische Glaube im Zuge der Aufklärung mit sich selbst hart ins Gericht und gab in einem Prozess der kritischen Selbstreflexion nahezu
alle bis dahin geltenden Begründungen seiner Verbindlichkeit auf:
die kosmologische, die historische, die biologistische sowie die moralische.
Nach diesem Verzicht auf die bisherigen Absicherungen
blieb es allein bei der Konzentration auf das phänomenologische Argument
der Offenbarung, mit dem die Theologie verhältnismäßig
lange dem Projektionsverdacht standhalten konnte.
Die Offenbarung wird als das Erschließungsereignis betrachtet, welches
eine fundamental neue Sicht der Dinge mit sich bringt. Dank deren Irritationspotentials widerspricht die Offenbarung unserem Wunschdenken, irritiert unsere Einbildungen und entlarvt sie als eben solche. Dadurch legitimiert sie sich als ein unverfügbares, durch den Menschen nicht erzeugbares Ereignis und stellt durch ihre projektionskritische Intention eben das Gegenteil einer Projektion dar. Der Kerngedanke
des apologetischen Offenbarungsarguments lautet: Das, was
die Projektionen als solche entlarvt, kann selbst keine Projektion sein.
Es ist also das Phänomen der Ereignishaftigkeit, welches am stärksten
für die Möglichkeit einer externen Wirklichkeit und somit gegen die
These der Allkonstruktionalität zu sprechen scheint.
2. Problemverschärfung: Ereignis als Konstrukt
Doch auch diese relative Glaubensgewissheit wird durch den Radikalen
Konstruktivismus in Frage gestellt. Laut ihm sei nun „jede
Wirklichkeit im unmittelbarsten Sinne die Konstruktion derer […],
115
die diese Wirklichkeit zu entdecken und erforschen glauben.“1 Alles,
was wir als Wirklichkeit erleben, sei „nicht ein passives Abbild der
Realität, sondern Ergebnis einer aktiven Erkenntnisleistung“,2 das
Produkt der Wahrnehmungstätigkeit und deswegen das Konstrukt
des Menschen. Der Radikale Konstruktivismus festigt ein für alle
Mal das erkenntnistheoretische Paradigma, welches schon die konsequente
Hermeneutik als Entsprechung zu Kants Bestreitung des
„Ding an sich“ intendierte: Nichts innerhalb der menschlichen
Wirklichkeit spricht für sich allein.
Dabei wird von den Vertretern des Radikalen Konstruktivismus
keineswegs bestritten, „daß eine äußere, eben deutungs- und konstruktunabhängige
Realität besteht“, sondern nur verneint, dass diese
äußere Wirklichkeit „in ihrem Sosein, also per se erfaßbar ist“.3 Die
Konstruktion der Wirklichkeit vollzieht sich in der Umwelt, die wir
aber stets lediglich als eine Umwelt für uns erfahren. „Beobachten, so
kann man zusammenfassen, ist eine empirische, beobachtbare Operation
eines existierenden Systems in einer existierenden Umwelt.“4
Was für die Umwelt gilt, gilt auch für die Objekte unserer Wahrnehmung:
„Objekte sind keine Gegebenheiten. Wahrnehmen und Denken
liefern uns nicht einfach ein Bild der Wirklichkeit, sondern vielmehr
ein Bild unserer Aktivitäten in Umwelten, also ein Bild dessen,
was wir mit Realität anstellen. Dinge sind Dinge-für-uns,
1 P.Watzlawick, Vorwort, in: Ders. (Hrsg.), Die erfundeneWirklichkeit.Wie wissen
wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus (Serie Piper
4742), München 2006, 9 –11, 9.
2 F. v. Ameln, Konstruktivismus. Die Grundlagen systemischer Therapie, Beratung
und Bildungsarbeit, Tübingen – Basel 2004, 3. Dabei versteht F. v. Ameln
unter Realität „die Welt, so wie sie objektiv, d. h. unabhängig von unserer Erkenntnis
ist“, während er als Wirklichkeit das bezeichnet, „was uns in unserem
phänomenalen Erleben als Realität erscheint“ (ebd.).
3 A. Klein, „Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen …?“ Zur theologischen Relevanz
(radikal-) konstruktivistischer Ansätze unter besonderer Berücksichtigung
neurobiologischer Fragestellungen, Neukirchen-Vluyn 2003, 34.
4 S. J. Schmidt, (Radikaler) Konstruktivismus. Wie Wirklichkeit wirklich wird,
in: der blaue reiter. Journal für Philosophie (1995/2), 30 –33, 31. „Systeme (und
Menschen können als solche betrachtet werden) könnten ohne Umwelt nicht
existieren und nichts erkennen“ (ebd.).
116 Katarína Kristinová
Tat-Sachen, d. h. sie resultieren aus empirisch hochgradig bedingten
Aktivitäten.“5
Der Abschied von der Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit fällt
selbst innerhalb des Konstruktivismus unterschiedlich aus. Während
einige der Vermutung nachhängen, „daß die ‚wirkliche‘ Welt sich
ausschließlich dort offenbart, wo unsere Konstruktionen scheitern“,6
oder nur Negativaussagen über sie gelten lassen,7 und einige wiederum
einen „Minimalrealismus“ annehmen,8 erklären andere jegliches
theoretisches Bemühen um die extrakonstruktionale Realität und
um die entsprechende Wahrheitsfrage entschieden für obsolet.9
Wenn nun „der Weg, hinter jeweilige Konstrukte zu gelangen,
[…] definitiv verbaut scheint bzw. keine menschliche Möglichkeit
darstellt“,10 dann müssen auch Ereignishaftigkeit, Kontingenz, Empfänglichkeit
und Rezeptivität, welche gerne als Argumente für die
Nicht-Konstruiertheit eingeführt werden, als konstruktionale Phänomene
betrachtet werden.
Das, was „als Ereignis wahrgenommen und identifiziert wird [,]
steht bereits unter diesen Bedingungen der Bedeutungszuweisung
bzw. der Interpretation aufgrund vorausliegender Interpretation.“11
Somit ist jeder Gegenstand – auch der Erkenntnisgegenstand „Ereignis“
– „stets Gegenstand unter einer Deskription und in der Erkenntnis,
ist Gegenstand in einer Interpretation.“12 Wenn also „jede
5 Ebd.
6 E. v. Glasersfeld, Einführung in den radikalen Konstruktivismus, in: P. Watzlawick
(Hrsg.), Die erfundene Wirklichkeit, München 2006, 16 –38, 37. Vgl. die
kritische Analyse des konstruktivistischen Umgangs mit der Realitätsfrage in A.
Klein, „Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen …?“ (s. Anm. 3), 133 –168.
7 Vgl. P. Watzlawick, Einleitung, in: Ders. (Hrsg.), Die erfundene Wirklichkeit.
(s. Anm. 1), 14.
8 Vgl. die kritische Rezeption der Ansätze von G. Roth und H. Lenk in: A. Klein,
„Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen …?“ (s. Anm. 3), 137–145.
9 Vgl. A. Klein, „Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen …?“ (s. Anm. 3), 45f.,
137, 146f.
10 A. Klein, „Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen …?“ (s. Anm. 3), 27; Herv.
AK.
11 A. Klein, „Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen …?“ (s. Anm. 3), 154.
12 G. Abel, Interpretationswelten. Gegenwartsphilosophie jenseits von Essentialismus
und Relativismus, Frankfurt a. M. 1993, 456; Herv. GA. Auch zitiert in:
A. Klein, „Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen …?“ (s. Anm. 3), 155.
Alles