
Dr. theol. Katarína Kristinová
Dr. theol. Katarína Kristinová
Die Weisheit Gottes
Die Weisheit Gottes
▐PREDIGT ZU 1 Kor 2, 1 - 5 , Borgsdorf 16. Januar 2022
Gnade sei mit euch
und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. AMEN
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Liebe Gemeinde, heute geht es um die Weisheit. ▐ Ein Wort, das man heute kaum mehr benutzt. ▐ Klug, klever, intelligent, schlau, smart – das sind die Prädikate der heutigen Zeit. ▐ Aber weise? ▐ Da denken wir wohl eher an die Weisen aus dem Morgenland, ▐ an die alten Rabbiner, ▐ an Buddha, ▐ oder an Dostojewskijs „Starec“. ▐ Weisheit ist ein Wort, dass wir heute nicht mehr so schnell in den Mund nehmen, ▐ ein Wort, dass eher den fernen Zeiten vorbehalten bleibt, oder fernen Völkern, ▐ deren Weisen, die als Prophetinnen oder Schamanen gelten, in ihrer Einsiedelei sitzend Besuche von Menschen empfangen, ▐ die nach den Antworten auf die quälenden Fragen ihres Lebens suchten.
Wir befragen eher die TherapeutInnen, ▐ blättern in der die Regale füllenden Ratgeber-Literatur, ▐ hören uns Fernsehinterwiews mit den sogenannten ExpertInnen an, ▐ lassen uns „couchen“, ▐ oder konsultieren das Google – ▐ übrigens auch ich habe schnell bei Google nachgeschaut, welchen Artikel das Wort Google hat, ▐ und damit für einige Verwirrung beim Google gesorgt, ▐ besteht doch dieses Portal aus lauter Artikeln zu unzähligen Themen.
Und unser Wissen stellen wir unter Beweis in den unzähligen Quizshows, ▐ indem wir Fragen zu beantworten versuchen wie z. B.: ▐ Wie viele Oscars gewann der Film „Titanic“? ▐ Wie viele Atemzüge nimmt der menschliche Körper täglich? ▐ Aus wie vielen Kräutern ist Jägermeister gemacht? ▐ Bei welchem Wert liegt der Weltrekord im Dauerjodeln?
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Die Weisheit im ursprünglichen Sinne ist wohl doch etwas anderes als das. ▐ Aber: ▐ Manchen Sachen kommt man besser auf die Spur, wenn man sich mit deren Gegenteil beschäftigt. ▐ Als das Gegenteil der Weisheit wird in der Bibel die Torheit genannt, die auch mit Dummheit übersetzt wird.
So blätterte ich nach längerer Zeit u.a. wieder in den vielen Büchern, die sich mit dem Phänomen der Dummheit, deren Struktur und Geschichte beschäftigen. ▐ Auch rief ich mir in Erinnerung, dass u. a. der große Theologe des 20. Jhs, Karl Barth die Dummheit als einen zentralen Aspekt der Sünde bezeichnet. ▐ Dietrich Bonhoeffer hebt hervor, dass Dummheit keinen intellektuellen, sondern einen menschlichen Defekt darstellt, ▐ und konstatiert treffend, dass wir gegenüber der Dummheit machtlos sind. ▐ „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.“ - schreibt er. ▐ „Gegen das Böse lässt sich protestieren, es lässt sich bloßstellen, es lässt sich notfalls mit Gewalt verhindern […] . ▐ Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. ▐ Weder mit Protesten noch durch Gewalt lässt sich hier etwas ausrichten; ▐ Gründe verfangen nicht; ▐ Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden […]. ▐ Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen.“(Widerstand und Ergebung, DBW Bd. VIII, S. 26 ff.)
Dummheit hat offenbar weder etwas mit dem Bildungsstand noch etwas mit dem Mangel an logischem Denken zu tun. ▐ Ihr Träger kann sich sogar mit einem Professorentitel schmücken, und eine perverse innere Logik entwickeln, gegen die man selbst mit den schlüssigsten Argumenten nicht ankommt. ▐ An diese innere Logik der Dummheit erinnert mich folgender Witz: ▐ Wussten Sie, dass sich die Elefanten gerne auf den Bäumen verstecken? - ▐ So ein Quatsch, sagen Sie. ▐ Noch nie hat jemand einen Elefanten auf einem Baum gesehen. - ▐ Na sehen Sie, wie gut sie sich verstecken können – lautet dann die siegreiche Antwort.
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Die für mich treffendste Definition der Dummheit liefert der große Philosoph des Mittelalters Nikolas von Kues. ▐ Die Dummheit ist seiner Auffassung nach nichts anderes als Unbelehrbarkeit – ▐ also die Weigerung, ▐ sich auf eine neue Perspektive einzulassen und sich durch sie korrigieren in der eigenen Denkweise korrigieren zu lassen ▐ und in diesem Sinne also dazu zu lernen.
Und wenn alle Philosophie und alle Weisheit mit Staunen beginnt,▐ dann ist auch der Ausdruck des katholischen Theologen, ▐ Johann Baptist Metz, absolut zutreffend:▐ Er spricht von der sogenannten Verblüffungsfestigkeit.▐ Unbelehrbarkeit und Verblüffungsfestigkeit sind damit nichts anderes als Bildungsferne bzw. Bildungsverweigerung.
Das Perfide an der Dummheit ist zudem, ▐ dass sie sich gerne für ihr Gegenteil ausgibt, ▐ dass sie sich als Weisheit und Klugheit präsentiert. ▐ Sie imponiert gerne mit Kompetenzgehabe, Das Tragische ist, dass ihr dieses Täuschungsmanöver meistens gelingt. ▐schüchtert ein mit verschachtelten Sätzen voller Fachtermini, demonstriert absolute Selbstsicherheit und Überlegenheit,▐ihre Waffen sind Behauptungen, ▐ und wenn sie mal Fragen stellt, dann steht die Antwort schon längst fest. ▐ Auf den Punkt gebracht: die Dummheit lebt von der Aura der Weisheit, also vom puren Schein. ▐ Das Tragische ist, dass ihr dieses Täuschungsmanöver meistens gelingt. ▐Dieses Weisheitsgehabe der Dummheit wirkt leider bei viel zu vielen. ▐ Nur die Kinder, die sogenannten Narren und die wenigen Weisen unter uns bleiben hier unbeeindruckt.▐ Entweder sie langweilen sich und zeigen sich so immun gegen die teuflische Faszination, ▐ oder sie machen eine Feststellung, die das ganze Kartenhaus zum Einstürzen bringen kann. ▐ Dann erweist sich die vermeintliche Weisheit als Banalität, die vermeintlich heilige Wahrheit als stupide Ideologie, und die Kaiser dieser Welt zeigen sich nackt.
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So, nun haben wir auf der Suche nach der Weisheit ausgiebig mit deren Gegenteil beschäftigt. ▐ Jetzt werden hoffentlich die Worte unseres Predigttextes umso mehr einleuchten, wenn Paulus sagt:
1 Und als ich zu euch kam, Brüder, kam ich nicht mit überragender Rede oder Weisheit, als ich euch das Geheimnis Gottes verkündete.
2 Denn ich nahm mir vor, unter euch nichts zu wissen außer Jesus Christus und diesen als Gekreuzigten.
3 Und ich trat in Schwachheit und in Furcht und mit viel Zittern bei euch auf,
4 und mein Wort und meine Verkündigung bestand nicht in überredenden Weisheitsworten, sondern im Erweis von Geist und Kraft,
5 damit euer Glaube nicht auf Weisheit von Menschen beruhe, sondern auf der Kraft Gottes.
Es sind Verse 1 – 5 aus dem 1. Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth, aus dem 2. Kapitel, in der Übersetzung von Erich Fascher. (Der erste Brief des Paulus an die Korinther, 1. Teil, ThHNT 7/1, S. 113)
Paulus, der gebildete hellenistische Jude, ▐ dem sowohl die Grundlagen der Philosophie als auch der Rhetorik, also der Kunst der öffentlichen Rede ▐ sehr wohl bekannt waren, ▐ hat das Phänomen der vermeintlichen Weisheit durchschaut ▐ und sich bewusst entschieden, ganz anders aufzutreten, als es auch zu seiner Zeit üblich war: ▐ nicht mit überragender Rede, ▐ nicht mit überredenden Weisheitsworten, sondern in Schwachheit und mit Furcht und Zittern.
Mit anderen Worten: ▐ Er wollte im Gegensatz zu den Weisheitslehrern seiner Zeit keinen Eindruck schinden, ▐ sondern darauf vertrauen, ▐ dass die Sache, für die er hier eintritt, für sich selbst spricht. ▐ Und mehr noch: Ihm war auch sehr wohl bewusst, dass die Botschaft nicht nur darin besteht, WAS wir sagen, sondern auch WIE wir das sagen.
Und darin zeigt sich die wahre Weisheit. ▐ Sie ist bescheiden, ▐ sie muss nicht auf eine effektvolle Verpackung setzen, denn sie hat genug Substanz, die für sich spricht. ▐ Auch weiß sie um die eigenen Schwachpunkte, denn nur durch ihre Korrektur kann sie der Wahrheit näher kommen. ▐ Bescheidenheit, Fragen, leise Töne und Dialog – das sind ihre Mittel.
So steht die inhaltliche Klarheit gegen die rhetorische Effekthascherei, ▐ die Redlichkeit gegen die ideologische Selbstherrlichkeit, ▐ die respektvolle Gesprächsbereitschaft gegen die behauptende Gewalt, ▐ das authentische Auftreten gegen den Schein der Perfektion,▐ das Wunder der Wahrhaftigkeit gegen das plumpe Spektakel.
Paulus stellt hier so etwas wie eine Faustregel, nach der die Weisheit von deren Gegenteil unterschieden werden kann. ▐ Und diese Faustregel funktioniert perfekt auch noch heute. ▐ Versuchen Sie sich mit diesem Hintergrund mal wieder eine politische Diskussion anzuschauen, ▐ einer Predigt kritisch zuzuhören, ▐ oder beobachten Sie mal die Gespräche in ihrem privaten Umfeld.
Und nun das Wichtigste zum Schluss. ▐ Paulus betont: „Ich nahm mir vor, unter euch nichts zu wissen außer Jesus Christus und diesen als Gekreuzigten.“ ▐ Jesus, und zwar ausdrücklich Jesus als der Gekreuzigte ist für Paulus nicht nur ein Zusatz zu dem, was er über die Weisheit zu sagen hat, ▐ sondern offenbar das Fundament, auf dem seine Weisheitstheorie beruht.
Aber was bedeutet das? ▐ Was hat die Weisheit mit dem Gekreuzigten zu tun? ▐ Die Satirikerin Sarah Bosetti hat einmal gesagt, ▐ es wäre schön, wenn jeder, ▐ der ein politisches Programm verkündet▐ für mindestens einen Tag tauschen müsste mit derjenigen Person, ▐ welche durch eben dieses Programm benachteiligt wird.
Also, der Neonazi tauscht für einen Tag mit einem Ausländer,▐ diejenige, welche sich gegen die Aufnahme der Flüchtlinge ausspricht, tauscht für einen Tag mit einem der Flüchtlinge an der polnischen Grenze, ▐ Erdogan tauscht mit einer von ihm ins Gefängnis geworfenen Journalistin, ▐ ein Macho und Chauvinist mit einer Frau – am besten mit SEINER Frau … und so weiter und so fort.
Das, worauf sich der christliche Glaube gründet, ist auch so ein Tausch. ▐ Gott tauschte mit einem, der im Namen Gottes gekreuzigt wurde. ▐ Gott ist in diesem Sinne Mensch geworden.▐ Und zeigte den Menschen: Im Namen Gottes habt ihr Gott selbst gekreuzigt. ▐ Denn: Er ist anders, als Ihr ihn haben möchtet. ▐ Er steht nicht auf der Seite der Sieger, sondern auf der Seite deren, die in seinem Namen gekreuzigt werden. ▐ Er ist der Gott der Opfer eurer vermeintlich heiliger Wahrheiten, ▐ und der Gekreuzigte ihr Prüfstein. ▐ Deswegen sieht die apokalyptische Literatur den Gekreuzigten als den Richter, ▐ vor dem sich am Ende aller Zeiten alle, ja, auch alle Herrscher dieser Welt zu verantworten haben. ▐ Das ist eine starke Vorstellung.
Die Perspektive Gottes ist durch den Gekreuzigten die Perspektive der Opfer. ▐ Darin besteht die Weisheit Gottes, ▐ die die Weisheiten dieser Welt nicht aufhört zu stören, zu prüfen, ▐ radikal in Frage zu stellen, solange es die Welt gibt. ▐ Dieser Weisheit Gottes möchte ich uns heute anbefehlen in der Hoffnung, ▐ dass Gott im Jesus, dem Gekreuzigten ▐ trotz aller Gewalten dieser Welt ▐ doch schließlich und letztgültig das letzte Wort behält. AMEN
Resonanz, die gut tut.
Lieber G.,
eine großartige Predigt - sehe ich auch so ("Beifall").
Über den Bonhoeffer-Text habe ich kürzlich mit einer Patientin gesprochen. Der ist für mich seit langem bedeutsam.
In der Predigt hat die Frau Kristinova aber insgesamt neben dem philosophischen Teil auch die theologische Konsequenz ganz treffend zu einem Evangelium werden lassen. Danke und schöne Grüße an sie! B.


Es ist noch nichts entschieden
Lk 19, 1-10
Es ist noch nichts entschieden
Lk 19, 1-10
Borgsdorf Sept. 2020
Das Wort Gottes kommt zu uns als Predigt:
Trost zu erwecken dem Glauben,
Gericht zu sprechen dem Aberglauben,
aufzuerwecken den ermüdeten Glauben.
Gnade sei mit euch
und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. AMEN
Der heutige Predigttext befindet sich im Evangelium nach Lk, im 19. Kapitel. Ich lese die Verse 1 - 10 in der Übersetzung der Elbefelder Bibel:
1 Und er ging hinein und zog durch Jericho. 2 Und siehe, da war ein Mann, mit Namen Zachäus genannt, und der war ein Oberzöllner und war reich. 3 Und er suchte Jesus zu sehen, wer er sei; und er konnte es nicht wegen der Volksmenge, denn er war klein von Gestalt. 4 Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, damit er ihn sehe; denn er sollte dort durchkommen. 5 Und als er an den Ort kam, sah Jesus auf und erblickte ihn und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilends herab! Denn heute muss ich in deinem Haus bleiben. 6 Und er stieg eilends herab und nahm ihn auf mit Freuden. 7 Und als sie es sahen, murrten alle und sagten: Er ist eingekehrt, um bei einem sündigen Mann zu herbergen. 8 Zachäus aber stand auf und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte meiner Güter gebe ich den Armen, und wenn ich von jemand etwas durch falsche Anklage genommen habe, so erstatte ich es vierfach. 9 Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Haus Heil[1] widerfahren, weil auch er ein Sohn Abrahams ist; 10 denn der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren ist.
Liebe Gemeinde, es gibt kaum jemanden unter Ihnen, der oder die diese Geschichte nicht bereits von Kindertagen an kennen würde. ║ Eine literarische Schöpfung des Evangelisten Lukas, die es wegen ihrer Anschaulichkeit souverän in die Kinderbibel geschafft hat und zum festen Bestandteil des Religionsunterrichts wurde.
Dieser hohe Bekanntheitsgrad eines Predigttextes bedeutet für die Predigerinnen und Prediger, mit denen ich heute mein Schicksal teile, eine besondere Herausforderung: ║ Den alt bekannten Text abermals zu bemühen, ihm etwas Frisches abzuringen, etwas, was nicht schon gefühlte Tausendmal gesagt, und vielleicht viel besser gesagt worden ist.
Es gibt unzählige Themen, welche diese recht knapp dargestellte Geschichte von Zachäus in sich birgt. ║ Man kann hier wunderbar das Vorgehen einer göttlichen Pädagogik beobachten, die gewaltfrei eine radikale Veränderung bewirkt. ║ Auch könnte man über die Psychologie des kleinen Mannes reden, der im doppelten Sinne des Wortes hoch hinaus will. ║ Oder darüber nachdenken, was es eigentlich bedeutet, verloren zu sein. ║ Und was es heißt, gefunden zu werden. ║ Oder über das Wesen der wahren Freude. ║ Oder über die Anerkennung durch den Blick Gottes, welcher die verborgenen Potentiale des Menschen sieht und dessen freundlicher Blick aus jeglicher Schublade befreit. ║ Ja, der inhaltliche Reichtum dieser Geschichte ist beeindruckend und bestätigt abermals die Tatsache, welch gewaltige Weltliteratur die Bibel darstellt.
So verlockend alle die eben angesprochenen Themen auch sind, ich für meinen Teil entschied mich schließlich dafür, auf einen anderen Aspekt der Zachäus-Geschichte aufmerksam zu machen – schlicht aus dem Grund, dass er meine Aufmerksamkeit weckte und mich bis heute umtreibt. ║ Deswegen versah ich die heutige Predigt sogar mit einer Arbeitsüberschrift, die da lautet: ║ „Es ist noch nichts entschieden.“ ║ Was meine ich damit? ║ Nun, der Reihe nach.
Sie werden mir hoffentlich Recht geben, wenn ich sage, dass wir beim Lesen oder Hören einer Geschichte immer eine innere Zeitreise machen. ║ Einerseits sind wir gerade jetzt und hier, in unserer Gegenwart, andererseits aber, sobald uns eine Geschichte vorgelesen wird, kommt das so genannte Kopfkino in Gang und unsere Einbildungskraft versetzt uns in die Zeit und an den Ort der Geschichte.
Und er ging hinein und zog durch Jericho. – hören wir und haben automatisch eine mehr oder weniger genauere Vorstellung im Kopf, vorausgesetzt, wir verstehen die Sprache und es ja auch aus unserer Lebenserfahrung kennen, wie das ist, wenn jemand durch eine Stadt zieht. ║ Genauso können wir uns die neugierigen Menschen vorstellen, welche auf die Ankunft einer bekannten Persönlichkeit warten.
Gerade im Falle der Geschichten, welche uns besonders fesseln und anrühren, kann man - denke ich - mit Recht behaupten, dass sie uns in sich hinein ziehen. ║ Wie durch einen Zaubertrick sind wir ein Teil von ihnen. ║ Wir sind mitten im Geschehen, wie eine Art Beobachter am Rande, jedoch keine neutrale Beobachterin, sondern wir fühlen mit, regen uns auf, bangen, begeistern, empören uns, hoffen, dass alles gut ausgeht, sind entsetzt, enttäuscht usw und so fort.
Und wenn wir den Blick vom Buch heben oder die gehörte Geschichte zu Ende ist, tauchen wir dann auf wie aus einem Traum und sind irgendwie anders als vorher, bereichert um eine neue Erfahrung, auch eine Erfahrung mit uns selbst. ║ Deswegen wird Literatur auch das Labor des Lebens genannt.
So eine Erfahrung zu vermitteln ist ja auch der Sinn des heutigen Predigttextes. ║ Und ich denke auch die literarische und vor allem theologische Absicht des Verfassers. ║ Nur hat es die Geschichte von Zachäus nicht leicht mit uns als Hörern und Hörerinnen. ║ Warum? ║ Weil wir sie ja schon kennen. ║ Wir wissen ja, wie sie ausgeht. ║ Was kann da noch überraschen, oder betroffen machen. ║ Das Bekannte liest man gewöhnlicher Weise dann quasi vom Ende her. ║ Und die Spannung ist weg.
So stehen wir da im fiktiven Jericho, irgendwo am Rande der wartenden Menge, für die noch nichts entschieden ist. ║ Aber im Unterschied zu diesen Menschen, wissen wir ja bescheid. ║ Wir sind die Besucherinnen aus der Zukunft. ║ Und so wissen wir, was als nächstes passiert, und so überrascht uns nicht, dass Jesus sich ausgerechnet bei dem stadtberüchtigten und vielen geradezu verhassten Oberzöllner Zachäus einquartiert und ihn flapsig gesagt bekehrt.
(Oberzöllner - erklären)
Das ist jedoch den hier auf ihn Wartenden alles andere als klar. ║ Auch hier ist noch nichts entschieden. ║ An diesem Jesus scheiden sich stets die Geister. ║ Erinnern wir uns: Die Evangelien sind voller Geschichten, in denen Jesus die Tabus der rechtlichen, religiösen und moralischen Grenzen seiner Zeit sprengt. ║ Er berührt einen Aussätzigen, lässt sich berühren von einer Frau, die ihre Periode hat, lässt sich salben von einer Prostituierten, er ist erklärtermaßen ein Freund der Zöllner und Sünder. Er gibt die Frauen, die Ausländer und die Außenseiter den anderen zum Vorbild. Er ist kein Asket wie etwa Johannes der Täufer. Er isst und trinkt gerne, und nicht selten auch noch in einer schlechten Gesellschaft.
Auch sagt er nie von sich selbst, „Ich bin der Sohn Gottes“. ║ Selbst den Titel „Menschensohn“ benutzt er in der dritten Person.
Natürlich hat er mittlerweile nicht wenige „Fans“, offenbar kann er Menschen begeistern. ║ Die Menge jedoch, so sagen es die Evangelisten im Zusammenhang mit jeder von ihnen erzählten Geschichte, die Menge ist meist empört, erbost, oder zumindest befremdet und irritiert.
Ja, neben der Welle der Nachdenklichkeit und Begeisterung, die er zweifellos mit seinem Charisma auslöst, ergießt sich über ihn auch immer ein antiker Shittstorm. ║ Man bezichtigt ihn - wegen seiner Heilkunst - sogar eines Paktes mit dem Teufel selbst. ║ Man intrigiert gegen ihn, man stellt ihm Fallen, wartet auf jeden nächsten Fehler, den er macht.
Nun stehen wir im Geiste am Rande der wartenden Menge in Jericho und beobachten, was geschieht. ║ Wissen wir es wirklich besser? ║ Wenn ja, was würden wir denn den wartenden, gespannten, zweifelnden, empörten, erbosten Menschen seiner Zeit sagen? ║ Leute, dieser Jesus ist wirklich der Sohn Gottes? - Aha.
Nein, hier, an diesem einen Tag in Jericho ist noch nichts entschieden. ║ Ist er nun wirklich kraft seines Glaubens so souverän oder einfach nur arrogant? ║ Hat er wirklich eine Botschaft, oder will er einfach nur provozieren? ║ Mein weiß es nicht so ganz genau. ║ Und Sohn Gottes? – ruft da in meiner Phantasie jemand aus der Menge. ║ Soll das ein Witz sein? ║ Sohn Gottes? ║ Dieser Spinner?
Ja, woran erkennt man denn einen Sohn Gottes? ║ Wie mein Mann und ich unseren SchülerInnen zu sagen pflegen: Er trug ja keinen Heiligenschein damals als Erkennungszeichen seiner Besonderheit. ║ Seine Erkennungszeichen sind seine Worte und Taten. ║ Und die sind eben höchst umstritten. ║ Nein, noch ist nichts entschieden.
Und nun kommt dieser umstrittene Jesus nach Jericho und tut schon wieder etwas, was man so gar nicht richtig einordnen kann. ║ Es gibt so viele anständige Bürger in der Stadt und er besucht ausgerechnet diesen da.║ Das ist ungerecht, beleidigend. ║ Der übliche Mechanismus wird ausgelöst. ║ Die, welche auf einen weiteren Fehler von ihm warteten, reiben sich die Hände. ║ Die Menge empört sich. Einige haben ihren Spaß. ║ Einige aber werden nachdenklich, weil sie in diesem merkwürdigen Verhalten ein Muster zu erkennen und zu verstehen beginnen: ║ offenbar gibt es für diesen Jesus überhaupt kein Gebot, keinen Glaubenssatz, keine moralische Regel, die ihn daran hindern könnte, die Nähe von Menschen zu suchen, die seinen Beistand brauchen. (nach Drewermann , Das Lukas Evangelium, Bd 2, S. 491)
So zeigen uns die Evangelien, wie sich allmählich, Schritt für Schritt, Tat für Tat und Wort für Wort die Überzeugung formiert, ║ dass dieser Mensch hier mit seiner Botschaft der radikalen Menschlichkeit der Sohn Gottes sein könnte.
Aber wir sind immer noch nicht am Ende, und es ist immer noch nichts entschieden. ║ Denn dieser Mensch, welche so konsequent seinen Weg geht, endet dann doch am Kreuz, ║ und die Welt dreht sich ohne ihn weiter, und alles bleibt beim Alten – oder nicht? ║ Und die Botschaft von seiner Auferstehung … der schenke den Glauben wer will…
Nein, es gibt hier nichts, woran man festhalten könnte. ║ Keine greifbare, allgemein bewahrheitete Sicherheit. ║ Es ist nichts entschieden, bis zu dem Zeitpunkt, wo wir selbst die Entscheidung treffen, es mit diesem Jesus und seinem Gott zu versuchen║. Wo wir uns entscheiden, es wie Zachäus zu wagen, uns in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. ║ In der Hoffnung darauf, dass wir dann auch die Erfahrung machen, welche Lukas so umschreibt: ║ Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.
Das Heil erfüllt sich für mich in dem Geschenk einer neuen Sicht auf die Welt. ║Dann sehe ich wie unzählige Zeuginnen und Zeugen vor und neben mir, dass Gott wirklich wirkt. ║Denn es gibt sie, die jetzt das sehen, wofür sie vorhin blind waren. ║Und es gibt auch das, dass die Trägen sich in Bewegung setzen für eine gerechte Sache. ║Und auch die Verstummten treten aus der schweigenden Mehrheit heraus und fangen an zu sprechen. ║Und die, die meinten, immer das erste Wort haben zu müssen, treten schweigend zur Seite. ║ Die Egomanen werden bescheiden, Geizhälse freigiebig, Schamlose können verlegen erröten, ║
Da kündigt Manager bei einem internationalen Multiuntenternehmen und gründet eine Non-profit-Firma ║ da bringt eine Journalistin unter dem Einsatz ihres Lebens die gefährliche Wahrheit ans Licht, ║da lässt sich eine Schiffskapitänin lieber verhaften als das Leben der geretteten Flüchtlinge zu gefährden ║ da sitzt ein Schulmädchen vor einem Regierungsgebäude und streikt für´s Klima ║ da betreibt eine Ärztin mitten im Bombenhagel in Aleppo ein unterirdisches Krankenhaus … und so weiter und mehr und noch mehr.
Immer wieder ein Lichtschein am Horizont, während sich die Welt weiter dreht, ║die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, die Autokraten immer unverschämter, ║ Weiter werden überall auf der Welt Frauen unterdrückt, Kinder missbraucht, Flüchtlinge verjagt, politische Gegner gefoltert oder beseitigt, ║ und die Menge schaut schweigend zu, oder sich empört in vermeintlicher moralischen Überlegenheit und ruft: Kreuzige ihn.
Und wo stehen wir, wo stehe ich, wo stehst du?
Noch ist nichts entschieden, bis wir selbst die Entscheidung treffen.
Möge uns Gott des wahren Menschen Jesu Christi dazu helfen.
Amen.
GLÜCK
PREDIGT ZU Ps 56, 10 , Borgsdorf 20.März 2022
GLÜCK
PREDIGT ZU Ps 56, 10 , Borgsdorf 20.März 2022

Gnade sei Euch von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Amen.
Liebe Gemeinde, ich predige heute zu der Tageslosung, dem Vers 9 des 56. Psalms. // Es handelt sich um ein kurzes doch starkes poetisches Bild, eine Metapher von großer Tiefe und Aussagekraft. Ich lese in der Übersetzung von Martin Luther:
9 Zähle die Tage meiner Flucht, / sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.
1 -
Das „Glück boomt“ - schreiben die israelische Soziologin Eva Illouz und der spanische Psychologe Edgar Cabanas in ihrem gemeinsamen Buch, Das Glücksdiktat. // Sie und viele anderen diagnostizieren für die heutige Zeit eine regelrechte Explosion des menschlichen Glücksbestrebens. // Seit den 90-er Jahre explodiert die Zahl der Glücksseminare.// Diverse Glücksratgeber füllen die Regale der Buchhandlungen.// Die Film- und Werbeindustrie wird auch nicht müde, uns täglich und stündlich Lebensentwürfe zu präsentieren, die mehr oder weniger überzeugend demonstrieren, was zu tun und wie zu leben ist, um wirklich glücklich zu sein.
Das Glück ist zu einer machbaren Möglichkeit erklärt worden. //„Heute liegt es an uns selbst,“ - schreiben die oben erwähnten Autor und Autorin - „negative Gefühle zu blockieren, uns selbst zu optimieren und [die sogenannte] Achtsamkeit zu praktizieren. Dann – so das Heilsversprechen – kommt auch das Glück.“ // Diese sozial und medial verbreitete Glücksreligion hat mittlerweile eine milliardenschwere Glücksindustrie hinter sich, die dank des naiven Glaubens an die Machbarkeit des Glücks immer größere Gewinne macht. //
Ich begegne einem typischen Zeichen eines solchen Glücksmodetrends immer wieder bei meinen Spaziergängen. // Hier und da ein Blick in den Garten oder Vorgarten, / und ich nehme wahr, wie selbst da, /wo sich die Menschen als Atheisten bezeichnen,/ ein lächelnder, putzig rundlicher Buddha thront, //- das sich immer größerer Beliebtheit erfreuende Symbol des unbeschwerten Lebensglücks. // Bei der Gelegenheit muss ich immer daran denken, dass sich Jesus – im Gegensatz zu Buddha – für eine solche ästhetische Vereinnahmung Gott sei Dank überhaupt nicht eignet//. Wer würde schon mit dem Bild eines am Kreuz gefolterten den eigenen Garten schmücken? //Das Kreuz erweist sich auch in diesem Fall als das, was die Stärke und Widerstandskraft des christlichen Glaubens ausmacht//. Es widersteht jeglicher Verniedlichung/ und kann nicht nach Belieben verharmlost und zwecks einer Glücksideologie privatisiert werden.
- 2 -
Dass sich das Glück erlernen lässt, ist einer der Glaubenssätze, der Dogmen dieser modernen Religion ohne Gott. // Und; was machbar ist, was also erreicht werden kann, /das soll auch erreicht und verwirklicht werden. // So wird aus einer Glücksverheißung eine Aufforderung, ein Imperativ, ja ein Glücksdiktat, dem sich die meisten bewusst oder unbewusst gehorsam beugen. // Ich weiß nicht, ob Sie auch meine Beobachtung teilen würden, aber sie ist nun mal so: // Ich nehme wahr, wie sich die Welt um mich herum in einen Jahrmarkt der Eitelkeiten verwandelt. // Die zwischenmenschliche Kommunikation wird zu einer Art Schaufenster, / in dem die meisten versuchen, sich von ihrer Schokoladenseite zu präsentieren.//
Der gute Job, die glückliche Familie, die gute Beziehung, der tolle Urlaub. // Erinnern Sie sich noch an die Werbung? - Meine Frau, meine Villa, meine Yacht.
Befindet sich ein zumindest zu sich selbst aufrichtiger Mensch unter so einer Menschenmenge, so muss er oder sie sich selbst zwangsläufig vorkommen wie ein Versager. // Er fängt an, sich für seine Unzulänglichkeit zu schämen. // Der Philosoph René Girard nennt dies „die Illusion der Einsamkeit“./// Dort, wo sich alle glücklich und erfolgreich gebärden, kann man für sich selbst nur zu einem solchen Ergebnis kommen, /dass man der einzige Mensch ist, der nicht hierher passt, der nicht genügt. // Wir schämen uns für unsere Unzulänglichkeit und spielen das Spiel schnell mit. // Es muss sich verdammt noch mal auch bei mir etwas finden lassen, womit ich vor den Anderen punkten kann. / /Nur die Klugen unter uns kommen irgendwann auf die Idee, dass dieses einzelne schwarze Schaf eigentlich jeder und jede von uns ist, /.und dass wir uns in Wirklichkeit alle gegenseitig etwas vormachen.
Das kollektive Schauspiel wäre erst mal nur amüsant, wenn es nicht dramatische Folgen hätte. // Denn mit der Illusion des machbaren Glücks geben wir zugleich einen gesellschaftlicher Erfolgsdruck weiter und schlimmer noch,/ produzieren so eine gnadenlose Unbarmherzigkeit, /mit der wir mit uns selbst und mit unseren Nächsten umgehen. // Geht es dir schlecht, so musst du doch etwas falsch gemacht haben, bzw. du machst etwas falsch. - Das ist er zweite Glaubenssatz der Glücksreligion. // Ja, vielleicht siehst du das einfach zu pessimistisch; /sieh es doch mal positiv. // Und regt dich doch nicht auf. // Die möchte gerne christliche Variante solcher Expertisen lautet in der Regel:/ Dann glaubst du halt nicht richtig.
Die forensische Psychologin Heidi Kastner zählt dieses volkstümliche Expertentum zu den Merkmalen von Dummheit. // Sie schreibt: / „Es erstaunt mich immer wieder, / in wie vielen verschiedenen Bereichen sich Menschen solches Wissen und solche Fähigkeiten zuschreiben, // Menschen, die für die Reparatur einer Waschmaschine mit größter Selbstverständlichkeit einen Fachmann oder zumindest einen einschlägig kundigen Bekannten rufen würden. //Aber kaum fragt man sie zu einem deutlich komplexeren Thema, (zum Beispiel: Leben, K. K.) / sprudeln die Gewissheiten nur so heraus / und münden in ein Meer von guten Ratschlägen, /das sich bei näherer Betrachtung als Sumpf mit unsicherem Boden erweist.“ (27)
Eine Gesellschaft, die dermaßen auf die Machbarkeit des Glücks setzt versklavt sich selbst. // Und dabei geht ihr etwas extrem wichtiges Verloren. // Ich nenne das den Sinn fürs Tragische. // Wissen Sie noch, die antiken Tragödien, / die Verse der klassischen Dichter und Dichterinnen, / die biblische und außerbiblische Literatur / und das Herzstück jedes Evangeliums, die Passion? // Da dreht sich doch alles um das menschliche Unglück, Leid und Schmerz und Scheitern. // Mit dem kleinen, großen, ja, gewaltigen Unterschied: // Dass es unabhängig von der Leistung und Einstellung einfach geschieht – wie eine Art Naturereignis. // Das ist die Tragik – dass die dunklen Seiten des Lebens im Endeffekt eine uns unverfügbare Schicksalsmacht darstellen, den wir erst mal einfach ausgeliefert sind. //
Deswegen sind die Heldinnen und Helden der antiken Literatur nicht die zufriedenen Erfolgreichen, / die alles richtig gemacht haben. // Diese Figur ist ein sehr junger amerikanischer Mythos. // Nein, die antike Literatur dreht sich um eine vom Schicksal getroffene, / unheimlichen Strukturen und Kräften ausgelieferte Figur, / / für die sie eigentlich nichts kann, zu denen sie sich aber mit aller Offenheit und dem ganzen Spektrum ihrer Emotionalität verhält.
Der antike Mensch musste vieles erdulden und erleiden, aber eines musste er nicht: // Er musste nicht auf Teufel komm raus glücklich sein. // Er und sie war frei zur Klage, zur Wut, zu Trauer, zu Verzweiflung und auch zum so genannten Versagen.
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Für mich bildet gerade die jüdisch-christliche Tradition den Höhepunkt einer solchen Befreiung. // Denn hier wird das Allzumenschliche von Gott bzw. von Göttern nicht nur geduldet, / nicht nur mit nachsichtiger Überlegenheit mitgetragen, / sondern Gott geht uns auch auf diesem Wege voran, / indem er sich an die Spitze der Leidenden stellt / und sich uns gerade als solcher, als ein unglücklicher Leidender offenbart. // Gott riskiert es und zeigt sich uns in Jesus leidend, weinend und scheiternd, / - während wir einander unsere Erfolgsrezepte präsentieren. // Ja, vielleicht scheitert er gerade an uns, / u.a. daran, dass wir einen solchen Gott nicht ertragen, / dass wir uns einen solchen Gott nicht wünschen. // Deswegen passt ja auch der lächelnde Buddha besser zu unserem Lebensarrangement als der leidende Jesus.
Aber: // Sich von der höchsten Instanz auf diese Weise zum Unglück, zum Scheitern, zu Verzweiflung, ja, zu Tränen befreit zu wissen, das macht doch auf paradoxe Art und Weise doch irgendwie glücklich, oder? // Still verbreitet sich eine tiefe Zufriedenheit in der Seele eines Menschen, / der sich dessen bewusst wird, dass er in seinem Elend liebevoll verstanden und tröstend aufgenommen wird. // Ja, ich bin unglücklich, traurig, wütend und verzweifelt –
aber das alles darf ich vor Gott sein! // Ich darf vor dem menschlichen Gott ganz Mensch sein. // Und als solche und solcher werde ich nicht nur geduldet, /sondern geschätzt und geliebt. // Denn jeder Tag und jede meiner Tränen werden von dem selbst leidenden und mitleidenden Gott aufgefangen und aufbewahrt. //
Das ist die Paradoxie des Glaubens: // Während Glücklich-sein-zu- müssen vor der Welt unglücklich macht, / kann Unglücklich-sein-zu- dürfen vor Gott mit einer tiefen Zufriedenheit erfüllen, die ich persönlich als Glück empfinde.
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Natürlich bleibt es eine berechtigte Frage und ein Anstoß, / wenn Menschen sagen, / was hilft ein Gott, der selbst am Kreuz hängt, /der nichts mehr kann, als meine Tränen zu zählen?
Ich habe vor einigen Tagen einen Antwortversuch in einer kurzen Szene eines Films gefunden. // Es handelt sich um die Verfilmung einer Tragödie aus dem Jahr 1945 an einer kopenhagener Schule. // Die US-Artillerie bombardiert fälschlicher Weise eine katholische Grundschule statt des Nazi-Hauptquartiers. // Über 100 Kinder und alle Lehrkräfte, alles Ordensschwestern, / werden zu Opfern dieses Fehlschlags. // Als das zusammenbrechende Schulgebäude mit den in den Tod stürzenden Kindern und Lehrerinnen gezeigt wird, / schwenkt die Kamera zu der Figur des Gekreuzigten, / welche sich im Treppenhaus, hoch über dem grauenvollen Geschehen befindet. // Der Blick der Abstürzenden und der Blick des Gekreuzigten begegnen sich... und für einen kurzen Moment wird es still. // Dann, erst dann bricht alles zusammen. //
Aber diese Sekunden der Stille, / sie sind intensiver als alles, was zuvor war und als alles, was danach kommt. // Da zieht der Blick des leidenden Gottes die sterbenden Menschen in seinen Bann und hält sie für einen, / sich wie eine Ewigkeit anfühlenden Augenblick fest. // Die intime Gemeinschaft der Leidenden im Augenblick des Todes. // Sie wirkt auf mich unendlich tröstlich.
Ich stelle mir vor, / statt Jesus würde der letzte Blick der Sterbenden einem lächelnden Buddha gelten, oder der Figur des mächtigen Zeus oder Odin – nein, das wäre kein Trost, sondern purer Zynismus. // Und würde es sich um eine atheistische Schule handeln, / so würden die Augen der Sterbenden nur eine leere Stelle an der Wand streifen. // Und eine solche Szene stünde nun symbolisch für das menschliche Leid angesichts des kalten gleichgültigen Universums.
So zeigt der erwähnte Film innerhalb von wenigen Sekunden die Antwort auf die Frage, was der gekreuzigte Gott eigentlich vermag. // Er, der leidende Gekreuzigte, kann im Vergleich zu den anderen Göttern der Welt, im Leid tragen und trösten. // Er vermag von naiven Illusionen hin zu einem nüchternen Realismus zu befreien und er kann inmitten der Realität der Welt Trost schenken.
In dieser Gewissheit denke ich in diesen Tagen vor allen an die Abertausende leidende, trauernde, flüchtende und heimatlose Schwester und Brüder, / von denen einige bereits seit einigen Jahren unsere MitbürgerInnen sind, / und einige gerade unsere Gäste werden. / Und bete zusammen mit dem Schöpfer des Psalms:
9 Zähle die Tage meiner Flucht, / sammle meine Tränen in deinen Krug; /ohne Zweifel, du zählst sie. // Ohne Zweifel, du zählst sie. // Ohne Zweifel. // AMEN

Verpasst nicht das Jetzt!
Mk 13, 28 - 37
20.11.2022, Borgsdorf
Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext findet sich in dem Evangelium nach Markus, im 13. Kapitel. Ich lese die Verse 28 bis 37 in der Übersetzung Martin Luthers:
28 An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. 29 Ebenso auch, wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist. 30 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. 31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. 32 Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. 34 Es ist wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er sollte wachen: 35 So wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, 36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. 37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!
2. (Zwei Zeiten dieser Welt) -
„In dieser Welt gibt es zwei Zeiten.“ - schreibt Alan Lightman, in seinem Buch „Und immer wieder die Zeit“. „Die mechanische Zeit und die Körperzeit. Die erste ist so starr und metallisch wie ein massives Pendel, das hin- und herschwingt, hin und her, hin und her. Die zweite windet sich und zappelt wie ein Thunfisch in einer Bucht. Die erste ist unbeugsam, vorherbestimmt. Die zweite entschließt sich von Fall zu Fall.“ (29)
Es gibt sie noch, die Menschen, welche nach der Körperzeit leben – erzählt Lightman weiter. „Solche Menschen essen, wenn sie Hunger haben, gehen zu ihrer Arbeit […], wenn sie wach werden, gehen zu jeder Tageszeit mit dem oder der Geliebten ins Bett. Solche Menschen lachen über die Idee der mechanischen Zeit. Sie wissen, daß die Zeit ruckweise voranschreitet. Sie wissen, daß sie sich mit schwerer Bürde vorwärtskämpft, wenn sie mit einem verletzten Kind ins Spital eilen oder den starren Blick eines Nachbarn ertragen müssen, dem sie Unrecht getan haben. Und sie wissen auch, daß die Zeit dahinhuscht, wenn sie mit Freunden bei einem guten Essen sitzen, wenn sie gelobt werdend oder in den Armen ihrer heimlichen Geliebten liegen.“(30f.)
Und dann gibt es jene, die ausschließlich nach der mechanischen Zeit leben. Ihr Tagesablauf ist vorherbestimmt, ihre Woche ist ein Ritual. „Wenn ihr Magen knurrt, blicken sie auf die Uhr, um zu sehen, ob Essenzzeit ist. Wenn sie sich in einem Konzert zu verlieren beginnen, schauen sie auf Uhr über der Bühne, um zu sehen, wann es Zeit wird heimzugehen.“ (31)
(Alan Lightman, Und immer wieder die Zeit. Einstein´s Dreams, 1998 München.)
Es gibt die Quantitätsmenschen, die sich in der mechanischen Zeit wohl fühlen und es gibt die Qualitätsmenschen, die mit und in der Körperzeit leben.
- 3. (Chronos und Kairos) -
Das, was Alan Lightman hier mit neuen Worten umschreibt, ist eine uralte Empfindung, die überall dort bekannt ist, wo der Mensch mit der Zeit rechnet.// Das griechische Denken und die altgriechische Sprache markieren dieses doppelte Zeitgefühl mit zwei Worten, von denen das eine auch den Eingang in unsere Sprache fand. Die alten Griechen kannten die Zeit zum einen als den Chronos. Chronos war der ehemals höchste Gott des griechischen Pantheon, der aus Angst um seine Macht seine eigenen Kinder fraß, bis ihn einer seiner Söhne, Zeus, vom Thron stürzte.
Im weiteren Verlauf wird aus Chronos diejenige Auffassung von der Zeit, die wir heute noch verwenden, wenn wir von der sogenannten Chronologie sprechen. Chronos ist die Zeit in seiner regelmäßig messbaren Form, so wie sie die Uhr oder der Kalender aufzeigt. Auch das Unbarmherzige des alten, um seine Macht besorgten Gottes ist dieser Form von Zeit geblieben. In der Tat scheint die Chronos-Zeit eine grausam gefräßige Kraft zu sein, denn sie läuft Sekunde für Sekunde, Minute für Minute unaufhaltsam davon und bringt uns rücksichts- und gnadenlos dem Tod immer näher.
Es gibt noch ein anderes Wort und eine andere Auffasung von der Zeit im griechischen Denken: Es ist der Kairos, das, was wir mit dem Ausdruck „die richtige Zeit“ oder der „richtige Augenblick“ bezeichnen. Während der Chronos, die kontinuierlich ablaufende Zeit unterschiedslos dahin fließt, ist der Kairos das, was sich von diesem gleichmäßigen Zeitfluss erhebt, und unser Leben mit Bedeutsamkeit versieht, wenn er einen besonderen Punkt, ein besonderes Ereignis unseres Lebens markiert. Die Kairos-Zeit widersetzt sich im gewissen Sinne dem unbeugsamen Chronos und spielt ihm immer wieder als seine Unterbrechung einen Strich durch die Rechnung.
Es fühlt sich an, wie ein Besuch aus der Ewigkeit, der uns diese kurz schmecken lässt.
Da, wo unser Leben eine solche Unterbrechung erfährt, halten wir inne, vergessen die rhytmisch und regelmäßig dahinfließenden Minuten und bleiben, zeit- und selbstvergessen im Jetzt des besonderen Augenblicks. Erst wenn dieser vorbei ist, erwachen wir wie auch einem Traum und schauen auf die Uhr und sagen überrascht: Ach, schon so spät, ich habe die Zeit total vergessen. Wenn das geschieht, haben wir den Kairos erlebt und waren kurz oder länger (diese Begriffe sind hier merkwürdig fehl am Platz) frei von der zwingenden Macht des Chronos.
Vom Kairos, der richtigen Zeit, dem Augenblick, spricht auch schon der Prediger, wenn er im 3. Kapitel konstatiert, dass alles seine Zeit hat.
Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Auch der Prophet Jesaja (49,8) ruft aus:
»Siehe, jetzt ist die willkommene Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
Und vom Kairos, der richtigen, der besonderen Zeit spricht auch das Neue Testament, wenn es davon erzählt, dass Gott seinen Sohn sandte „als die Zeit erfüllt war“.
„Als die Zeit erfüllt war“ – was für eine schöne und treffende Bezeichnung der Macht des richtigen Augenblicks. Manchmal machen wir alles richtig, alles passt, kein Fehler unterläuft uns, und doch scheitern wir und unser Vorhaben misslingt. Es war wohl nicht die richtige Zeit. - sagt uns dann jemand Kluges. Und wir nehmen an, ja, so wird es wohl sein. Es war wohl alles richtig, nur die Zeit hat nicht gestimmt.
Verpasst nicht das Jetzt!
Mk 13, 28 - 37
20.11.2022, Borgsdorf
Verpasst nicht das Jetzt!
Mk 13, 28 - 37
20.11.2022, Borgsdorf
Denn das kennen wir auch: Wenn die richtige Zeit kommt, dann geschehen Dinge, die wir vorher vergeblich, hartnäckig und mit großer Mühe versucht haben, herbeizuführen, wie von selbst.
Nicht nur die Bibel oder andere religiöse und philosophische Literatur kennen dieses Phänomen, sondern auch die Märchen wissen um die Macht der richtigen, der erfüllten Zeit.
Denken Sie z.B an das Märchen vom Dornröschen – 100 Jahre versuchen Prinzen aus dem ganzen Land vergeblich, die Dornenmauer zu durchdringen und die schlafende Prinzessin zu befreien. Dann sind die von der Fee auferlegten 100 Jahre um, und der Prinz, welcher dann kommt, muss gar nicht gegen die Dornenbüsche kämpfen – sie gehen ihm wie von selbst aus dem Wege. Es ist die richtige Zeit, die Bedingung und das Geheimnis des Gelingens.
Da haben wir sie also, die zwei Zeiten, in denen wir leben. Die eine, der mechanische Chronos, in dessen Takt wir unser Alltag erledigen und unser Lebensunterhalt bestreiten, und dann die andere, der Kairos, die Zeit der besonderen Augenblicke, der Unterbrechungen und Wendepunkte unseres Lebens.
Die erste, der Chronos, hat es mit der Lebensquantität, die zweite jedoch mit der Lebensqualität zu tun.
Und obwohl uns die chronologie der allgegenwärtigen Uhren von morgens bis abends zu beherrschen scheint, ist es in Hinblick auf unsere Lebensqualität dann doch die andere Zeit, auf die es ankommt, wenn wir von einem guten, einem erfüllten Leben sprechen. Und daher ist Kairos die Zeit Gottes.
4. (Das Jetzt und die Zukunft) -
Unser Predigttext ist jedoch ein sogenannter eschatologischer Text: Er thematisiert das Ende, auf das hin wir uns bereit halten sollen. Was hat also das Ende mit meinen Erzählungen über den Kairos zu tun?
Ich behaupte, so wie es zweierlei Verständnisse der Zeit gibt, so gibt es auch parallel dazu zwei Verständnisse des sogenannten Endes. Das eine Ende hat es mit der Quantität, das andere Ende mit der Qualität zu tun. Und ich behaupte zudem, wer auf das chronologische Ende wartet, verpasst das eschatologische Ende, die richtige, die erfüllte Zeit.
Denn: Das Ende und das Jetzt gehören zusammen. Und zwar aus dem einfachen Grund: Weil auch die Zukunft in Gestalt eines Jetzt kommt. Wenn sie nämlich kommt, ist sie nicht mehr Zukunft, sondern Gegenwart. Und zwar die Gegenwart als das entscheidende Jetzt, welches wir nicht verpassen dürfen.
Wer sich also auf das Ende hin bereit halten will, der oder die soll sich in der Wachsamkeit auf das entscheidende Jetzt üben.
Einer meiner Professoren, der berliner Systematiker Wolf Krötke, sprach in diesem Zusammenhang von Zeiten, die er als ewigkeitsrelevant bezeichnete. Es gibt Momente in der Zeit, in denen sich die Ewigkeit bei uns meldet und auf sich aufmerksam machen möchte.
Es sind Zeiten, in denen sich vor unseren Augen das ereignet und manifestiert, was von unvergänglichem Wert ist. Das, was alle die einander abwechselnden Moden und Wahrheiten überdauert und sich wahrer und beständiger erweist. Bleiben wir für diese Offenbarung blind, so verpassen wir mit der richtigen Zeit auch deren Anschluss an die Ewigkeit Gottes. Wer den Kairos verpasst, verpasst Gott.
- 5. (Üben für die Ewigkeit) -
Doch wachsam zu bleiben für das göttliche Jetzt – gerade das scheint für uns, die Menschen der heutigen hektischen und geschäftigen Zeit, gar nicht so einfach zu sein, zwingt uns doch das Tempo des modernen Lebens immer einen Schritt voraus zu sein. Da füllen sich schon im September die Regale mit Lebenkuchen und Weihnachtsmännern, und kaum sind die Winterfeiertage vorbei, spucken bald die Schoko-Osterhasen in den Regalen der Supermärkten. Es ist eine besonders perverse Art, mit der Zeit, die ja unsere Lebenszeit ist, umzugehen: So zu leben, dass man sie stets verfehlt. Und ich habe immer mehr den Eindruck, dass es eine besonders perfide Strategie ist, die Menschen zu manipulieren und zu beherrschen, indem man sie in einem nie endenden Kreislauf von Leistungsdruck und Konsumzwang vor sich hin hetzt und sie so jeder Möglichkeit beraubt, kurz anzuhalten und Luft zu holen. Bloß nicht im Jetzt verweilen, sondern stets schon mit einem Fuß in der Zukunft, die man dann natürlich auch verpasst, weil man inzwischen schon nach der nächsten Zukunft Ausschau hält.
Der naive moderne Aberglaube daran, dass wir alles einschließlich unseres Lebens in der Hand haben, äußert sich auch in der vermeintlichen Herrschaft des Menschen über die Zeit. Unsere gesellschaftlichen aber auch manche private Terminkalender reichen Jahre voraus. Die Tage sind akribisch durchgetaktet. Kommt einmal die SBahn zu spät, macht sich am Bahnsteig eine stille Panik breit. Es ist spannend zu beobachten, wie schwer es uns fällt, die sogenannte Normalität loszulassen, wenn ab und zu mal der Verkehr wegen eines Orkans still steht, oder wenn sich der Kreislauf der Welt wegen einer Pandemie verlangsamt. Vielleicht müssen wir auf diese Art wieder mal neu lernen, zu begreifen, wie wenig wir die Herren über unsere Wirklichkeit sind. Und mehr noch: Lernen, auf die Zeichen der Zeit zu achten und angemessen zu reagieren, anstatt sich weiterhin gegen sie blind zu behaupten.
Kein Wunder, dass wir unter dem Einfluss des allgemein verbreiteten Glaubens an die Eigenmächtigkeit und Machbarkeit die Unterbrechungen seitens der höheren Gewalt nicht aushalten können, und stets versuchen, ihnen zu entfliehen. Das Anhalten, Stillhalten, Sich-Einlassen – das haben wir verlernt. Es macht uns Angst, denn dann müssen wir das vermeintliche Sicherheitsnetz unserer Zeitplanung verlassen und uns einer unheimlichen Macht des Unverfügbaren unterwerfen.
Dabei sind genau diese Unterbrechungen die wichtigsten und entscheidendsten Momente unseres Lebens. Ohne sie wären wir nicht, was wir sind. Wir hätten keine Lebensgeschichte und keine Identität.
Ich rede hier die ganze Zeit von Unverfügbarkeit, von einer höheren Macht, wohl wissend, dass es für dieses Phänomen längst ein anderes Wort gibt. Ein uraltes Wort „GOTT“
Einige wenige haben es begriffen und verkünden leider anstelle der an dieser Stelle meist schweigenden Kirche, dass es höchste Zeit ist, den Kampf gegen die Macht des Unverfügbaren, Kampf gegen Gott zu beenden. Dass es höchste Zeit ist, mit ihm Frieden zu schließen.
D.h. wenn er kommt und uns in unserer Geschäftigkeit unterbricht, ihn nicht zu vertreiben, sondern als Gast zu empfangen und in ihn wieder Vertrauen zu fassen.
Es ist höchste Zeit, wieder anfangen zu lernen, mit ihm zu leben. Der Ort, an dem wir beginnen können, heißt die richtige Zeit, das besondere JETZT. Möge Gott geben, dass wir wachsam bleiben, um ihn nicht zu verpassen, wenn er in diesem Jetzt zu uns kommt, um uns aus den Zwängen der weltlichen Zeit hinauszuführen in die Freiheit seiner Ewigkeit. AMEN.

Liebe Gemeinde, das Böse hat viele Gesichter. Vielleicht hatten Sie auch, als Sie in der heutigen Schriftlesung das Wort Teufel bzw. Satan hörten (Das Evangelium des Sonntags ist auch der Predigttext) erst einmal die traditionellen Bilder des Mittelalters vor Augen: das Wesen mit Hörnern, Pferdefuß und Schweif, welches die Menschen verhexen und ins Verderben stürzen kann. Auch die antiken Bilder eines blutrünstigen Monsters, das die Menschen bei lebendigem Leibe frisst, sind vielleicht einigen von Ihnen bekannt. Dann ist da auch noch der schlaue, listige, wortgewandte und emotionslose Mephisto in Goethes „Faust“. (2) Oder der Besucher mit rötlichem Haar und der Artikulation eines Schauspielers, mit dem Adrian Leverkühn in Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ einen Pakt eingeht, um sich Inspiration und Erfolg zu sichern. (3) Die Philosophin Hannah Arendt entdeckte bei der Beschäftigung mit dem Prozess um Adolf Eichmann das banale Gesicht des Bösen. Das eines blassen Bürokraten, der nach seinen eigenen Worten nie jemanden umgebracht hatte. Doch war er als Schreibtischtäter für die gesamte Organisation der Deportation von Juden aus Deutschland und den besetzten europäischen Ländern zuständig.(4) Das moderne Bild des Bösen zeigt uns vor allem die Filmkunst. In dem Film „Im Auftrag des Teufels“ aus dem Jahr 1997 wird der Teufel als ein attraktiver jedoch skrupelloser Gentleman im schwarzen Anzug von Al Pacino dargestellt. Es gibt noch ein Gesicht des Bösen, von welchem möglicherweise eine besonders große Gefahr ausgeht: Es ist das Verführerische, das Verlockende, das Attraktive. Von einem solchen Gesicht erzählt unser Predigttext. Es steht im Evangelium nach Matthäus, im 4 Kapitel. Ich lese die Verse 1 bis 11 in der Übersetzung der Bibel „Hoffnung für alle“:
1 Danach wurde Jesus vom Geist Gottes in die Wüste geführt, wo ihn der Teufel versuchen sollte. 2 Vierzig Tage und Nächte lang aß er nichts. Der Hunger quälte ihn. 3 Da kam der Teufel zu ihm und forderte ihn heraus: "Wenn du Gottes Sohn bist, dann mach aus diesen Steinen Brot!" 4 Jesus antwortete: "Nein, denn es steht in der Heiligen Schrift: 'Vom Brot allein kann niemand leben. Leben kann nur, wer Gottes Wort aufnimmt und befolgt!'" 5 Da nahm ihn der Teufel mit nach Jerusalem und stellte ihn an den Rand der Tempelmauer. 6 "Spring hinunter!" forderte er Jesus auf. "Du bist doch Gottes Sohn! Und es steht geschrieben: 'Gott wird seine Engel schicken. Sie werden dich auf Händen tragen, und du wirst dich nicht einmal an einem Stein verletzen!'" 7 Jesus entgegnete ihm: "Es steht aber auch geschrieben: 'Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht herausfordern!'" 8 Nun führte ihn der Teufel auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. 9 "Das alles gebe ich dir, wenn du vor mir niederkniest und mich anbetest", sagte er. 10 Aber Jesus wies ihn ab: "Weg mit dir, Satan, denn es steht geschrieben: 'Bete allein Gott, deinen Herrn, an und gehorche ihm!'" 11 Da gab der Teufel auf und verließ ihn. Und die Engel Gottes kamen und sorgten für Jesus.
Liebe Gemeinde, es ist eine faszinierende Geschichte, deren Tiefe ich sicher nicht ausschöpfen werde. Aber vielleicht kann ich Sie wenigstens auf einiges aufmerksam machen und Sie zum weiteren Nachdenken inspirieren.
II.
Unsere Geschichte beginnt in der Wüste. Jesus wird nach seiner Taufe vom Geist Gottes in die Wüste geführt. Schon über diesen Satz könnte man lange reden. Ich denke hier an diejenigen Momente im Leben von Jesus, in denen er sich – laut den Evangelisten - von der Menge in die Einsamkeit zurückzieht, meist auf einen Berg, um zu sich selbst zu kommen. Der Berg ist für ihn anscheinend ein Ort der heilsamen Einsamkeit, um das Leben im Zwiegespräch mit Gott neu zu justieren. Ähnlich die Wüste. Sie steht für die totale Einsamkeit jenseits jeglicher Zerstreuung und Abwechslung. Hier, der kargen Landschaft und ewiger Stille ausgeliefert, ist der Mensch ganz auf sich selbst geworfen. Auf sich selbst geworfen - das ist ein Zustand, den nicht sehr viele aushalten. Schon ein stundenlanger Spaziergang allein am Strand kann für manche Menschen zu einer qualvollen Herausforderung werden. Der Blick richtet sich nach innen, ich werde mit mir selbst konfrontiert, ich muss mich mir selbst stellen. Längst verdrängte Ängste, Sorgen, Gedanken, Schmerz und Wut fangen an, sich umso hartnäckiger zu melden, je mehr ich sie zu verscheuchen versuche. Sie reißen uns mit sich in ein Wechselbad der Gefühle. Solche Momente der Einsamkeit lassen uns unabgelenkt ins Gesicht der Realität blicken und in unsere eigenen Abgründe. Nicht viele wagen einen solchen Blick und meiden deswegen Einsamkeit und Stille. In solchen Momenten sind wir besonders angreifbar und verletzlich, aber auch offen und ansprechbar. Wer eine solche radikale Begegnung mit sich selbst wagt, kommt in der Regel aus ihr gereinigt und gefestigt heraus. Nicht ohne Grund haben die Mystikerinnen und Mystiker nach solchen Orten der Abgeschiedenheit gesucht. Nicht ohne Grund beginnt das Wirken Jesu mit dem Aufenthalt in der Wüste.
III.
Gerade deswegen inszeniert der Evangelist in einem genialen dramaturgischen Griff eben hier die Begegnung von Jesus und dem Teufel. Der Teufel, wie ihn hier das Matthäusevangelium darstellt, ist eine spannende Gestalt. Er ist redegewandt, intelligent und durchtrieben. Er ist theologisch versiert und bibelkundig. Er operiert nicht mit Gewalt, droht nicht, verbreitet keine Furcht, sondern argumentiert und lockt. Gerade darin müsste uns diese Teufelsgestalt ziemlich vertraut sein. Denn einem wachen Blick entgeht nicht, dass wir in einer Gesellschaft leben, die für uns tausendfache alltägliche Verführungen bereitet, um uns als brave Konsumenten und gehorsame Leistungsträgerinnen zu dressieren. Dies tut sie nicht mit Drohung oder Gewalt, sondern indem sie uns mit geradezu teuflischer Präzision manipuliert, unserem Ego schmeichelt, unsere Eitelkeit herauskitzelt und unsere Bequemlichkeit bedient. Der Medienwissenschaftler Neil Postman analysiert treffend, wie die psychologisch geschulte Werbeindustrie unsere Sehnsucht nach Belohnung und Beachtung, nach Glück, Sicherheit und Geborgenheit bespielt. In seinem berühmten Werk „Wir amüsieren uns zu Tode“ schreibt er: „Bilder von Filmstars und berühmten Sportlern, von ruhigen Seen und Macho-Fischern auf einer Hochseeyacht, von einem eleganten Dinner oder einem romantischen Intermezzo, von fröhlichen Familien, die ihren Kombi für ein Picknick auf dem Lande packen – sie sagen nichts über die Produkte, die da verkauft werden sollen. Doch sie sagen alles über die Ängste, die Phantasien und Träume derer, die sie kaufen sollen. Wer einen Werbespot in Auftrag gibt, der muss nicht die Stärken eines Produkts, sondern die Schwächen des Käufers kennen. [...] Die Fernsehwerbung hat dazu beigetragen, daß die Wirtschaft auf die Steigerung des Eigenwertes ihrer Produkte heute weniger bedacht ist als auf die Steigerung des Selbstwertgefühls ihrer potentiellen Kunden.“ 5 So werden in uns künstliche Bedürfnisse geweckt und die schnöden Dinge unseres Alltags in begehrenswerte Statussymbole verwandelt, über die wir unsere Identität definieren und von deren Besitz wir unser Selbstwertgefühl beziehen. (5) Vor allem der typisch menschliche Hang zur Bequemlichkeit bietet eine perfekte Gelegenheit, um Menschen unter dem Vorwand einer Entlastung von der lästigen Denkarbeit und der Befreiung von riskanten Entscheidungszwängen zu manipulieren und sogar zu versklaven.
In diesem Zusammenhang kommt mir Erich Frieds Gedicht, „Die Abnehmer“, in den Sinn:(6)
Einer nimmt uns das Denken ab
Es genügt seine Schriften zu lesen und manchmal dabei zu nicken
Einer nimmt uns das Fühlen ab
Seine Gedichte erhalten Preise und werden häufig zitiert
Einer nimmt uns die großen Entscheidungen ab über Krieg und Frieden
Wir wählen ihn immer wieder
Wir müssen nur auf zehn bis zwölf Namen schwören
Das ganze Leben nehmen sie uns dann ab
Das Böse der abendländischen Moderne ist also kein bedrohliches Monster, sondern ein attraktiver Verführer, glänzender Psychologe und Theologe, und damit ein ausgesprochener Experte für die Korrumpierbarkeit des Menschen, mit anderen Worten für das, was die Theologie die Sünde nennt.
IV.
Diese blitzgescheite teuflische Logik ist auch in der Versuchungsgeschichte zu finden. Der Teufel des Matthäusevangeliums ist ein brillanter Argumentationsstratege, versierter Theologe und vorzügliche Kenner des Allzumenschlichen. Schon der erste Versuch zeigt seine profunde Menschenkenntnis. „Wenn du Gottes Sohn bist, dann mach aus diesen Steinen Brot!" - sagt der Teufel. Wer sich hier gleich auf die Brotfrage konzentriert, übersieht leicht die wahre Intention dieser Aussage. Denn mit der Herausforderung, vor die der Teufel Jesus stellt, kommt unauffällig eingeschoben die wirkliche Falle, in die Jesus tappen soll. Die Falle verbirgt sich im ersten Satz: „Wenn du Gottes Sohn bist“. Als Sohn Gottes müsstest du die Macht haben, aus Steinen Brot zu machen – sagt der Teufel und definiert damit, was es bedeutet, Sohn Gottes zu sein. Damit trifft er genau den Punkt, um den es in Jesu Wüstenaufenthalt geht: Die Frage nach der eigenen Identität, die Frage, wer bin ich vor Gott, was ist die Idee Gottes von mir. Wenn Jesus diese Herausforderung annehmen würde, würde er sich auf die Spielregeln des Teufels einlassen, und mehr noch, sich unter dessen Deutungshoheit beugen. Das heißt, er würde sich vom Teufel diktieren lassen, wer er eigentlich ist. Das tut der matthäische Jesus nicht, sondern stellt der Deutungshoheit des Teufels die Deutungshoheit Gottes entgegen: „Nein, denn es steht in der Heiligen Schrift: 'Vom Brot allein kann niemand leben. Leben kann nur, wer Gottes Wort aufnimmt und befolgt!‘“
Das bedeutet zunächst (1): Brot ist für das menschliche Leben zweifellos notwendig, doch nicht hinreichend. Ein erfülltes Leben ist viel mehr als ein biologisches Existieren. Und in Hinblick auf die Identitätsfrage des Gottessohnes heißt das (2): Seine Aufgabe ist, den anderen, den geistlichen Hunger zu stillen. Mit dieser Entgegnung entzieht sich Jesus der Definitionsgewalt des Teufels und kommt in Hinblick auf die Identitätsfrage sich selbst einen Schritt näher.
Nun kommt die zweite Falle. Vordergründig geht es darum, dass der Teufel Jesus beim Wort nimmt: Du glaubst also dem Wort Gottes. Zeig, wie stark dein Glaube ist und spring herab von der Tempelmauer. Es steht doch geschrieben: „'Gott wird seine Engel schicken. Sie werden dich auf Händen tragen, und du wirst dich nicht einmal an einem Stein verletzen!'" Sich auf diese Herausforderung einzulassen, würde wieder einmal bedeuten, sich vom Teufel die Spielregeln diktieren zu lassen. Aber es bedeutete noch mehr: Es wäre ein Versuch, über Gott selbst zu verfügen und damit die eigene Gottesbeziehung aufs Spiel zu setzen.
Genau das aber verweigert Jesus. "Es steht aber auch geschrieben: 'Du sollst Gott, deinen Herrn, nicht herausfordern!'"- antwortet er und klärt damit gleich den zweiten Teil seiner Identitätsfrage, sein Gottesverhältnis. Er akzeptiert ohne Ausnahme Gottes Unverfügbarkeit und wird selbst dadurch für den Teufel unverfügbar.
Schließlich spricht der Teufel Klartext und offenbart seine wahren Absichten. Er zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit. "Das alles gebe ich dir, wenn du vor mir niederkniest und mich anbetest". Darum ging es faktisch von Anfang an. Dieser außergewöhnliche Mensch mit scharfem Verstand, brennendem Herzen und einem charismatischen Auftreten – was für eine Wunderwaffe in den Händen des Bösen! Der Teufel ist bereit, einen extrem hohen Preis zu zahlen, um Jesus – sagen wir es im Jargon des Personalmanagements – für sein Unternehmen und dessen Philosophie zu gewinnen. Mit einem klaren „Weg mit dir, Satan“ schlägt Jesus den angebotenen Pakt aus und zeigt sich als endgültig unkorrumpierbar. Und ich sehe vor meinem inneren Auge den Satan mit einem schiefen Lächeln von Jesus weichen, und frage mich, was ist das, was Jesus bei Gott fand, das, was für ihn mehr als die ganze Welt, mehr als alles bedeutete? - Meine Antwort ist: Es ist die Freiheit von dieser Welt. Dass wir freie Menschen sein können, ist das Geschenk der Gottesbeziehung, einer Beziehung, die wir eingehen dürfen und sollen, weil nur sie allein uns frei macht.
V.
Unsere Geschichte begann in der Wüste und sie endet in der Wüste. Das macht Mut. Jesus kehrt als ein geläuterter, freier Mensch in die Welt zurück, um für die Menschen da zu sein. Dass seine Einsamkeit damit nicht vorbei ist, bezeugen die Evangelien vielfach. Er trägt also die Wüste weiter mit sich. Doch, der Teufel verlässt ihn und die Engel kommen und dienen ihm – heißt es in den meisten Übersetzungen. Es wäre allerdings falsch, sich diese Szene wie eine Krönungszeremonie vorzustellen, in der er auf einem Thron sitzt, umgeben von himmlischen Dienern. Im griechischen Urtext steht für das Wort „dienen“ das Verb diakonein. Wir kennen es aus der Bezeichnung „Diakonie“. Es heißt vielmehr sich kümmern, um jemanden sorgen, für jemanden Sorge tragen. Die Wüste und die existentielle Einsamkeit bleiben, doch mitten in dieser sorgt Gott für seine Kinder. Das tut er mithilfe seiner Botinnen und Boten. Das ist die eigentliche Bedeutung des griechischen Wortes angelos, Engel. „Dich schickt der Himmel!“ - sagen wir in solchen Situationen. Das sind die Momente, in denen unsere eigene Wüste, unsere existentielle Einsamkeit durch den überraschenden Besuch einer solchen Botin oder eines solchen Boten erträglich gemacht wird. Und wir dankbar vernehmen, dass uns unser Gott auf diese Weise nicht verzweifeln lässt. Und so wünsche ich uns allen, dass wir in unserem Leben immer wieder neu schmecken, was nur Gott geben kann: Die wunderbare Freiheit von und für diese Welt; Gottes Beistand in unserer Einsamkeit und schließlich auch die Erfahrung, dass wir auch in der letzten Einsamkeit des Todes nicht tiefer fallen können als in Gottes Arme. AMEN
2 In Johann Wolfgang von Goethes Tragödie (1808/1832) vertritt die Teufelsgestalt Mephistopheles „die absolute Verneinung und den Willen zur vollständigen Vernichtung. Da er nicht glaubt, daß der Mensch nach Höherem strebt und der Verführung des Teufels widerstehen kann, erbittet er von Gott die Erlaubnis, Faust zu versuchen“ (A. und W. van Rinsum, Lexikon literarischer Gestalten. Deutschsprachige Literatur, Stuttgart 21993, 323).
3 Thomas Mann, Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde (1947). Das betreffende Gespräch mit dem Teufel, das wohl auch als Selbstgespräch interpretiert werden kann, findet sich im 25. Kapitel des Romans.
4 Siehe Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1964.
5 Neil Postman, Wir amüsieren uns zu Tode, Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, 158.
6 In: Erich Fried, Gründe. Gesammelte Gedichte, hg. v. Klaus Wagenbach, Berlin 1989, 25.


PREDIGT ZU Lk 21,25-33 , Borgsdorf 2.Advent 2019
PREDIGT ZU Lk 21,25-33 , Borgsdorf 2.Advent 2019
Das Wort Gottes kommt zu uns als Predigt:
Trost zu erwecken dem Glauben,
Gericht zu sprechen dem Aberglauben,
aufzuerwecken den ermüdeten Glauben.
Gnade sei mit euch
und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. AMEN
Der heutige Predigttext befindet sich im Evangelium nach Lk, im 21. Kapitel. Ich lese die Verse 25 - 33 in der Übersetzung der Hoffnung für alle:
25. Zu dieser Zeit werden an Sonne, Mond und Sternen seltsame Erscheinungen zu sehen sein. Die Völker der Erde fürchten sich und wissen nicht mehr weiter, weil das Meer tobt und Sturmfluten über sie hereinbrechen. 26 Die Menschen sind voll lähmender Angst und Ungewissheit darüber, was mit der Welt noch passieren wird; denn sogar die Kräfte des Weltalls werden durcheinander geraten. 27 Und dann werden alle sehen, wie der Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommt. 28 Deshalb: Wenn sich dies alles zu erfüllen beginnt, dann seid zuversichtlich – mit festem Blick und erhobenem Haupt! Denn eure Rettung steht kurz bevor.« 29 Jesus verdeutlichte es ihnen noch mit einem Vergleich: »Seht euch den Feigenbaum an oder die anderen Bäume. 30 Wenn ihre Zweige Blätter treiben, wisst ihr, dass es bald Sommer ist. 31 Ebenso ist es, wenn all diese Ereignisse eintreffen. Dann könnt ihr sicher sein, dass Gottes Reich unmittelbar bevorsteht. 32 Ja, ich sage euch: Diese Generation wird nicht untergehen, bevor das alles zu geschehen beginnt. 33 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber haben für immer Bestand.«
Liebe Gemeinde, wir haben es heute mit einem so genannten apokalyptischen Text zu tun. Es handelt sich um die so genannte endzeitliche Literatur, die sich sowohl im Alten als auch im Neuen Testament häufig finden lässt. Aber auch in dem außerbiblischen Bereich aller Zeiten freuten und freuen sich derartige Prophezeihungen einer großen Beliebtheit.
So stand am Milleniumsende d.h. am Ende des vorigen Jahrtausends neben Nostradamus und der Armagedon-Theorie der Zeugen Jehowas wieder mal auch die biblische Apokalyptik hoch im Kurs und es wurde um die Wette spekuliert, wann denn das angesagte Ende der Welt antreffen würde. Diesmal waren es nicht nur die sozialen Unruhen oder Naturkatastrophen, welche als gesicherte Zeichen eines nahenden Endes gelten sollten, sondern – vielleicht erinnern sich einige von Ihnen – es kursierte auch die starke Vermutung, dass mit dem Eintreten des Jahres 2000 das digitale Netz implodiert, weil die Computer mit der Zahl NULL nicht zurecht kommen und sich höchstwahrscheinlich eigenständig herunterfahren würden.
Sie haben meinen flapsigen Ton sicher bemerkt und den mögen Sie mir bitte verzeihen. Aber mir scheint auch und gerade in der Begegnung mit solchen Texten Nüchternheit und gesunder Menschenverstand angesagt. Zeigt doch der Blick in die Menschheitsgeschichte, dass diese ja quasi eine einzige Ansammlung von Katastrophen aller Art ist, von denen nahezu jede dieser Katastrophen als die letzte reklamiert wurde. Sollen wir nun - wie es im Text wörtlich steht - den Himmel beobachten und das Meer und die globalen Unruhen dazu - und schon haben wir eine Gleichung, deren Ergebnis das bevorstehende Ende der Welt und Ankunft unseres Herrn sind? Nun wissen wir inzwischen, dass die Naherwartung der ChristInnen inzwischen mehrfach enttäuscht wurde. Schon Paulus sagte seinen Zeitgenossen voraus, dass sie das Ende leibhaftig erleben werden, und war später unter dem Druck der nicht zu leugnenden Fakten gezwungen, seine Botschaft zu überdenken und zu korrigieren. Hätte man ihm damals gesagt, dass die Welt noch 2000 Jahre stehen wird, hätte er das mit größter Wahscheinlichkeit für ausgemachten Unfug gehalten.
Was also tun mit einem Predigttext, der uns mit aller Dringlichkeit auf das Ende der Welt aufmerksam machen und uns so zu denken zu geben möchte? – Sollen wir sagen: so oft ist er schon nicht Erfüllung gegangen, also lohnt es sich auch diesmal nicht, ihn ganz ernst zu nehmen? Aber wie ist es dann mit dem letzten Vers?: 33 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber haben für immer Bestand.« - Stimmt das dann doch nicht? Hat sich hier Jesus geirrt? Haben seine Worte doch nicht für immer Bestand?
I.
Vielleicht aber erschließen sich uns die Worte neu, wenn wir versuchen, sie anders zu lesen. Nicht im Sinne der so genannten Fakten, sondern im Sinne der Lebenswahrheit. Das sind manchmal verschiedene Paar Schuhe. Der erste wichtige Gedanke – und auch Hinweis für eine neue Lesart - ist das kosmische Ausmaß der geschilderten Katastrophe. Hier wage ich die Behauptung, dass der Mensch der Antike dieser Art von Sprache besser zu verstehen vermochte als wir, ausschließlich mit einer naturwissenschaftlichen Brille ausgestatteten moderne Menschen. Der Kosmos bzw. das Universum standen nämlich nicht nur als physikalische, raum-zeitliche Phänomene da, sondern waren zugleich das Sinnbild der göttlichen und also geistigen Lebensordnung, der die Welt und das Leben der Menschen unterliegen. Und diese Ordnung bestand nicht nur im Lauf der Jahreszeiten oder dem Wechsel von Tag und Nacht, sondern sie beinhaltete auch alles, was dem menschlichen Leben Halt und Sinn gab: die allgemein geltenden und für alle verbindlichen Vorstellungen, Regel, Sitten, Strukturen und Werte.
Wird also in unserem Text vom Ende der Welt als einer kosmischen Katastrophe berichtet, so dürfte dies vor allem den Zerfall der altbewährten Fundamente der menschlichen Existenz bedeuten. Solche geistigen Katastrophen vollziehen sich unmerklich, leise und langsam. Die meisten Menschen merken dabei nicht oder erst zu spät, wie die so genannte Normalität ein neues Gesicht bekommt, wie sich das Verständnis und die Bedeutung der Grundpfeiler unserer Weltanschauung wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Gut oder Böse u.a. allmählich in ihr Gegenteil verschiebt. Und die Welt, wie wir sie kannten und sie uns vertraut war, ist plötzlich nicht mehr. Wir finden uns einer fremden neuen Welt gegenüber stehend, in der wir nie mehr heimisch werden, entwurzelt, verunsichert, vereinsamt.
Am Anfang des 20. Jhs Jahre entsteht ein ähnlicher epochaler apokalyptischer Text aus der Feder von Friedrich Nietzsche, der das Ende der vormodernen Welt beschreibt, und aus dem ich Ihnen ein Paar Sätze vorlesen möchte, in der Hoffnung, dass er das von mir Gesagte noch besser zu verdeutlichen hilft.
II.
F. Nietzsche schreibt in seinem Buch Fröhliche Wissenschaft, Kap.6., 125 folgendes: „Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "ich suche Gott! Ich suche Gott!" – Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. [Sie] schrieen und lachten […] durcheinander.
Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. "Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getödtet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?
Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Giebt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? […] Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet“.
Laut Nietzsche gibt es keine größere Katastrophe als diese, als den Tod Gottes. Die Abschaffung Gottes ist das Ende aller Gewissheiten – und in diesem Sinn das Ende der bisherigen Welt. Wir haben Gott abgeschafft und daraufhin unsere Koordinaten verloren. Und stürzen nach allen Seiten. Ohne Gott sind wir total orientierungslos. Wir wissen nicht mehr, wo oben und unten ist, sinnlos irren wir durch ein unendliches Nichts. Das kalte gleichgültige Universum schert sich ein Dreck um den Menschen und seine Sehnsucht nach Geborgenheit. Wir sind geistig obdachlos Mit Gott – so Nietzsche – haben wir alles verloren, worauf wir vorhin bauten, einschließlich unserer selbst. Kein Text beschreibt meiner Ansicht nach die trostlose Situation des gottlosen modernen Menschen treffender als dieser.
Noch ein Beispiel, diesmal aus der unmittelbaren Gegenwart. Die Philosophin und Kriegsjournalistin Carolin Emcke erzählt in einem Interview mit dem Tagesspiegel zu einem ihrer Bücher über ihre Gespräche mit traumatisierten Menschen aus diversen Kriegsgebieten dieser Welt. Sie sagt, dass die erlebte „Gewalt sich nicht nur in die Körper, sondern auch in die Sprache ihrer Opfer einschreibt. Als Reporterin sitze ich oft Menschen gegenüber, die keine lineare Geschichte mehr erzählen können. Wenn Opfer von Krieg und Gewalt erzählen wollen, wenn sie überhaupt wieder jemandem vertrauen, dann klingen sie oft verwirrt: Sie stottern, erzählen in Kreisen oder rückwärts. Wir, die Verschonten, die solche Gewalt nicht erlebt haben, dürfen das nicht vorschnell als unglaubwürdig abtun.“
Die Sprache, mit deren Hilfe wir die Ordnung herstellen, versagt. Ihre Strukturen greifen nicht mehr. Es bleibt oft nur Stottern, Verwirrung, Sprachlosigkeit, Schrei und Verstummung. Die Geste des Endes – ich habe sie vorgestern wieder mal im Fernsehen in einem Kriegsbericht gesehen: Unwillkürlich hochgerissene Arme, der Kopf in den Händen, Entsetzen in den Augen, Mund geöffnet zum stummen oder lauten Schrei. So sieht ein Mensch aus, dessen Welt, also alles, woran er oder sie glaubte, alles, was ihn bisher trug, gerade zusammenbrach.
III.
Wenn wir den heutigen Predigttext so lesen, als eine symbolisch – poetische Beschreibung einer nicht kosmischen, sondern viel umfassenderen universalen Katastrophe, so kann er für alle Sensations- und Orakelsüchtigen nur Enttäuschung bedeuten, denn dann bietet er einen nüchternen apokalyptischen Realismus statt Fantasy. Dann bringt er uns auf den Boden der Tatsachen. Dann gelingt es ihm vielleicht, zu zeigen, dass gerade dann, während wir Ausschau halten nach einer neuen apokalyptischen Sensation, uns die Welt unter den Füßen langsam und unmerklich zerbricht.
Genau das ist ja möglicherweise auch das Ziel der sogenannten apokalyptischen Literatur. Die meisten von Ihnen kennen das Wort APOKALYPSE wahrscheinlich v.a. aus dem gleichnamigen amerikanischen Film. Es ist aber wichtig, sich vor Augen zu halten, dass die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes APOKALYPSIS nicht Katastrophe, sondern Offenbarung ist. Es handelt sich also um eine Situation, in der sich dem Menschen etwas zeigt, enthüllt, offenbart, ihm die Augen öffnet. Nicht selten berichten Menschen darüber, wie schnell sich gerade in solchen Ausnahmesituationen die Verhältnisse klären. Nie strahlt die Menschlichkeit, Barmherzigkeit, Aufrichtigkeit klarer als in Zeiten, die voller Unheil und Bosheit sind. Die Apokalypse ist die Zeit der Klärung, der Enthüllung des Wahren und des Falschen. Die Geister scheiden sich. Noch nie habe ich klarer gesehen als damals – sagen viele Zeitzeugen.
Ähnlich übrigens das Wort KRISE. Das griechische Wort KRISIS bedeutet zunächst Gericht, Urteilen bzw. Unterscheidung. Ja, in der Situation der Krise lernen wir neu zu urteilen, zu unterscheiden zwischen Freund, Feind, Gut und Böse. In der Krise offenbaren sich die wahren Freunde sowie die wahren Feinde.
Und noch ein drittes Wort gebe ich Ihnen auf den Weg. Wussten Sie, dass auch im Wort DISASTER die kosmische Symbolik steckt? Es heißt wortwörtlich auf Lateinisch Un-Stern, Des-astrum. Desaster, eine Zeit, in der am Horizont unserer Weltordnung ein unheilvoller, todbringender Planet auftaucht und unsere Weltordnung ins Chaos stürzt, durcheinander bringt.
Doch noch ein viertes Wort, wo wir schon dabei sind. Weil das so gut passt . Der Teufel, Satan ist von seinem Wortursprung her der DIABOLOS, der Durcheinanderbringer, also derjenige, der die Welt durch Verunklärung, Verwirrung ins Unheil stürzt. (Müssen Sie jetzt auch an Fake-News denken?)
IV.
Jesus verlangt von uns – laut unserem Predigttext – in solchen unheilvollen Zeiten, in denen die Welt zu Ende geht, klaren Kopf und Zuversicht. .28 Deshalb: Wenn sich dies alles zu erfüllen beginnt, dann seid zuversichtlich – mit festem Blick und erhobenem Haupt! Denn eure Rettung steht kurz bevor. Und sein Gleichnis von dem Feigenbaum illustriert diese seine Forderung und malt uns vor Augen ein schönes Bild des Menschen in Christi Nachfolge.
Während die anderen in dem bereits vorherrschenden Chaos mühsam nach Halt suchen, dabei aber ertrinken und untergehen, richten sich die Kinder Gottes auf, weil sie nicht hier in dieser Welt nach Lösungen und Hilfen suchen. Sie wissen wohl, dass nur, was nicht von dieser Welt ist, wirklich retten kann. Laut dem Text sind ChristInnen diejenigen, die auch in den desaströsen Krisenzeiten kühlen und klaren Kopf bewahren. Nicht, weil sie sich das alles schön reden und damit sich selbst und die anderen zu beruhigen wissen, sondern im Gegenteil: Weil sie sich nichts vormachen, weil sie die Zeichen der Zeit in aller ihrer Bedrohlichkeit und Radikalität zu erkennen vermögen. Dass es mit der Welt zu Ende geht, ist eine Wahrheit, die nur diejenigen ertragen können, für die die Welt nicht alles ist, was sie haben und worin sie ihren Halt finden. Weil das, was uns trägt, mehr ist, als diese Welt zu bieten hat, so werden wir mit dem Vergehen dieser Welt nicht alles verlieren. Das Wichtigste und Wertvollste bleibt und hebt sich von dem Übrigen ab wie Spreu von Weizen.
V.
Und dann musste ich beim Schreiben dieser Predigt plötzlich daran denken, dass wir uns bald mit einem Gegenbild zum Desaster als dem Un-Stern beschäftigen werden, dem Stern von Betlehem, dem Symbol für den Fixpunkt, der Licht und Klarheit bringt in noch so große Verwirrung, und Rettung aus dem Unheil verheißt. Lächerlich, sich angesichts der globalen Katastrophe ein Kind in der Krippe anzuschauen? Der kleine, hilflose Mensch soll unsere Rettung sein? Das die Lösung der globalen Probleme? Ich behaupte, besehen im Licht dieses Sterns wird so manche Situation zur Offenbarung (Apokalypse) und damit zur Verheißung und Vorboten des Endes der alten und Beginns einer neuen Welt. Hier ein Beispiel für viele.
Es geschah am Bahnhof Gesundbrunnen. Ein alter Mann auf der Sitzbank. Seine Hände bluten. Wahrscheinlich ist er gestürzt. Unbeholfen versucht er das strömende Blut irgendwie weg zu wischen. Mit einer ruhigen Unaufgeregtheit kommen einige Menschen auf ihn zu. Er bekommt Papiertaschentücher. Ein Becher Wasser wird ihm gereicht. Er wird gefragt, ob man ihm noch etwas helfen kann. Ich bin auch dabei und schlage ihm vor, sich die Hände zu desinfizieren. Ich habe feuchte Desinfektionstaschentücher. Dann biete auch ihm an, die Wunden mit Pflaster zu verkleben. Allerdings – sage ich ihm – ich habe nur bunte Kinderpflaster (Grundschullehrerin halt). Also entweder mit Prinzessinnen oder mit Piraten und Piratinnen. „Piraten bitte“ – sagt er brav.
Sie haben mich gerettet – sagt er dann zu uns, die noch um ihn herum standen. Nach einer Pause bricht es aus ihm aus, er fängt an bitterlich zu weinen. „Alle sind so lieb zu mir“ – schluchzt er wie ein kleines Kind und Tränen fliessen über seine Wangen.
Man könnte förmlich beobachten, wie sich seine Welt in dieser Situation des Angewiesenseins, der Hilfsbedürftigkeit neu Ordnete, wie ihm klar wurde, sich ihm offenbarte, was für ihn eigentlich das Wichtigste ist. Die Mitmenschlichkeit - der Fixstern seines persönlichen Universums wurde für ihn so sichtbar, so klar wie wohl nie zuvor.
Sie haben mich gerettet – sagte er. Aber na ja, wer hat hier eigentlich wen gerettet? Ihn zu sehen hilflos wie ein kleiner großes Kind, rettete die Menschlichkeit in manchen von uns. So retteten wir uns gegenseitig.
Und: So wurde eine relativ normale Alltagssituation im Lichte der Weihnacht zu einem apokalyptischen Geschehen. Sie zeigte abermals, so könnte die Welt auch sein. Eine Welt, in der wir alle zu Hause sein könnten. Eine Welt Gottes, in der die Liebe das letzte Wort behält. Behalten wir sie, diese neue Welt Gottes, im Auge, so wird sie uns auch halten und uns durch alle Krisen tragen.
Darauf hoffe ich vom ganzen Herzen. AMEN

Predigt zu Sach 9, 9-10 , Borgsdorf, 1.Advent 2020
Predigt zu Sach 9, 9-10 , Borgsdorf, 1.Advent 2020
Gnade sei mit euch
und Friede von Gott, unserem Vater,
und dem Herrn Jesus Christus. AMEN
Der heutige Predigttext befindet sich im Buch des Propheten Sacharja, der in der zweiten Hälfte des 6. Jhs vor Christus wirkte.
(Der Verständlichkeit wegen gleich vorab eine Erklärung. Der Ausdruck „Tochter Zion“, den Sie gleich hören werden und der in der Adventszeit öfter benutzt wird, bezieht sich auf einen Berg in Jerusalem, auf dem der Tempel Jahwes stand und in dem Jahwe in seinem Heiligtum wohnen sollte. In einem weiteren Sinne bezeichnet Zion die gesamte Stadt, in der sich der Tempel befindet, so dass „Zion“ und „Jerusalem“ (z.B. im Parallelismus membrorum) zu Synonymen werden.)
Nach einigem Überlegen entschied ich mich für die Übersetzung der Zürcher Bibel, aus der ich die Verse 9-10 des 9. Kapitels lese:
9Juble laut, Tochter Zion,
jauchze, Tochter Jerusalem,
sieh, dein König kommt zu dir,
gerecht und siegreich ist er,
demütig und auf einem Esel reitend,
auf einem Fohlen, einem Eselfohlen.
10Und ich werde die Streitwagen ausrotten in Efraim
und die Pferde in Jerusalem.
Und der Kriegsbogen wird ausgerottet.
Und er verheißt den Nationen Frieden.
Und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer
und vom Strom (Euphrat) bis an die Enden der Erde.
-1-
Es war in meiner Heimat, der Slowakei der Nachwendezeit. Ich stand auf der Bühne einer kleinen Kurstadt und sang für mehrere Hundert Kurgäste begleitet von einem kleinen Orchester. Der Ort strahlte eine Gemütlichkeit aus, die Leute saßen vergnügt, an ihrem Wein nippend um ihre Tische und genossen die Musik und die beschauliche Atmosphäre des warmen sommerlichen Nachmittags. Plötzlich ging eine Unruhe durch die Reihen. Die Menschen drehten ihre Köpfe, und da sah ich ihn auch. Den damals bekanntesten slowakischen Politiker, den nationalistisch-konservativen Premierminister Namens Meciar, auf uns zukommen, umgeben von seinem Stab und beschirmt von seinen Personenschützern.
Nicht nur die Massen werden von den berühmten Menschen angezogen, sondern auch umgekehrt: die Berühmten oder die möchte gerne Berühmten von den Massen. Und hier hat der liebe Herr Premierminister offenbar eine spontan sich auftuende Ressource von Wählerstimmen gewittert und sich kurzer Hand ungeniert entschlossen, uns die Show zu stehlen, sie also zu seiner Show zu machen. So defilierte er mit seiner Gruppe an der Bühne vorbei, vor Augen des faszinierten Publikums, welches ihm sofort einen Beifall spendierte. Und wie durch Zauberhand, wortlos und wie im Trance, erhoben sich so ca. zwei Drittel unserer ZuhörerInnen und folgten ihm, während wir immer noch tapfer weiter spielten. Das war´s mit unserem Konzert – dachte ich, als ich das sah.
Doch da waren auch die Anderen. Menschen, die damals so wie ich nicht einverstanden waren mit seinem unversöhnlich autoritären Führungsstil, mit seiner cholerischen Ausbrüchen vor der Kamera, nicht einverstanden mit seiner krankhaften Selbstbezogenheit, seinen Lügen, dem Unfrieden, den er zwischen die beiden Völker, die Tschechen und die Slowaken säte, und seiner damals auch schon bekannten Korruptheit. Die Menschen, die sitzen geblieben sind, stimmten nicht mit in den Beifall ein, und folgten ihm auch nicht.
Überraschend und bis heute unvergesslich war für mich die Tatsache, dass diese Minderheit wider meiner Erwartung nicht angefangen hat, ihrem Protest laut Ausdruck zu verleihen. Es ertönten keine Buh-Rufe, keine verbalen Proteste, oder gar Beschimpfungen. Die Menschen saßen da mit Händen im Schoß und schauten absichtlich an ihm vorbei. Er existierte für sie nicht. Nachdem das nächste Lied zu Ende war, applaudierten sie bewusst uns und nicht ihm. Da die Veranstaltung sowieso schon einen Bruch erlitt, sprach ich die Verbliebenen an, bedankte mich für ihre Besonnenheit und für ihren Verzicht auf eine mögliche Eskalation. „Unsere Aufmerksamkeit wäre zu viel der Ehre für ihn“ - antwortete spontan ein Herr in der ersten Reihe. So habe ich anschaulich demonstriert bekommen, was ein würdevoller Protest, ja, was Würde ist. Und ich glaube, nie war ich stolzer auf mein Volk als damals, an diesem merkwürdigen Sommernachmittag.
- 2 -
Ich erzähle Ihnen diese Begebenheit, weil sie mir beim ersten Lesen des heutigen Predigttextes plötzlich wieder vor Augen stand. „Siehe, dein König kommt zu dir.“ – Da kam auch einer, und die Masse jubelte ihm zu. „Dein König“ – steht in unserem Text. – Die Machthaber dieser Welt sind unsere Machthaber – sie sind also menschengemacht. Sie werden zu dem, was sie sind, weil sie dazu von bestimmten Menschen, genauer gesagt, von Menschen mit einer bestimmten Haltung ermächtigt werden.
Die Haltung, mit der wir unseren KönigInnen, PolitikerInnen und überhaupt prominenten Persönlichkeiten begegnen, ist zum großen Teil der Ausdruck unserer Erwartungshaltung. Unserer Hoffnungen, Wünsche und Ansprüche an eine Person, der wir das kollektive, aber auch das eigene Schicksal im gewissen Sinne anvertrauen möchten oder eben nicht. Und wie die Ermächtigung so ist auch die Entmächtigung der weltlichen Könige menschengemacht. Der damalige slowakische Premierminister erlitt durch die unmissverständliche Haltung des gar nicht so kleinen Teils des Publikums eine spürbare Niederlage, die seinem Ego sicher nicht gut tat. Denn er enttäuschte ihre Erwartungshaltung und erwies sich dadurch als dieser Menschen nicht würdig.
- 3 -
Siehe, dein König kommt zu dir. - Kennen Sie den Präsidentenstau in Moskau? Das Wort „Präsidentenstau“ ist verhältnismäßig neu im Russischen. Es heißt, der Präsident mit seiner Gefolgschaft fährt zum Kreml, seinem Regierungssitz, also werden die Straßen abgesperrt und der übrige Verkehr der Metropole steht still.
Eine Kolonne aus schwarzer gepanzerten Geländewagen rast mit 150 Stundenkilometer durch Moskau, und die anderen Berufstätigen müssen sich beinahe tagtäglich am Ende ihres Arbeitstages lange gedulden. Der Präsidentenstau gehört seit einigen Jahren zum Alltag. Siehe, dein König kommt zu dir. - Es gibt Könige, die nicht die unseren sind, weil sie unsere Erwartungshaltung enttäuschen.
Als ich meinen Motorradführerschein gemacht habe, musste ich eine Regel lernen, die mich besonders befremdete. Und zwar, dass auch bei uns der Erste-Hilfe-Wagen anhalten und dem Präsidenten die Vorfahrt gewähren muss. Ist das denn nötig? Fragte ich mich. Selbst wenn es eventuell den Tod des Patienten bedeutet?
Ein Zeitzeuge des zweiten Weltkrieges erzählt in seiner Autobiographie von der Enttäuschung, die er bei seiner ersten persönlichen Begegnung mit dem Führer verspürte. Er, damals noch ein Schuljunge, stand gespannt und aufgeregt am Straßenrand und hielt Ausschau. Schau, da kommt er, da kommt der Führer. Ein Auto fuhr vorbei, auf dem hinteren Sitz war er, der Führer leibhaftig. Das soll der Führer sein? - dachte sich der Junge enttäuscht - „Was ist das für einen Führer, wenn er nicht mal selbst Auto fahren kann?“
- 4 -
Siehe, dein König kommt zu dir. Er kommt auf einem Eselfohlen. - Nicht gerade das Bild einer imponierenden Macht, oder? Wissen Sie, wie Vaclav Havel und Alexander Dubcek zu ihrer ersten Vereidigung kamen? Mit der Straßenbahn. Havels Hose war zu kurz, er sah darin sympatisch bemitleidenswert aus. Auch er hat damals – wenn auch unbewusst – dem Tschechischen ein neues Wort beschert. Seit dem heißt eine etwas zu kurz geratene Hose im Tschechischen „havelky“. Diesem kleinen großen Mann flogen die Herzen der Menschen zu. Nach seinem Tod war um sein Haus ein Blumenmeer – so viele Junge und Alten kamen, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Auf seinem Grabstein – so hat er es sich gewünscht – steht nur sein Name und ein einziger Titel, falls man das Titel nennen kann: Bürger. Bürger Vaclav Havel.
Dietrich Bonhoeffer und Nelson Mandela waren als Gefängnisinsassen nach den weltlichen Maßstäben gänzlich machtlos. Und doch rief ihre Haltung nach einiger Zeit einen enormen Respekt des Wachpersonals hervor. „Man sagt mit, ich trete heraus aus meiner Zelle wie König“ - sagt Bonhoeffer sinngemäß in einem seiner Gedichte, und wundert sich, woher er, kleiner verzweifelter Mensch, diese Ausstrahlung, ja, diese Macht überhaupt hat.
- 5 -
Es ist unsere Erwartungshaltung, es sind diese unseren Vorstellungen und Bilder, welche uns eine ungeheure Macht verleihen. Denn sie entscheiden darüber, welche Person wir als „König“ akzeptieren, und damit wählen und ermächtigen, und welcher wir die Macht über uns entziehen.
Welche Erwartungshaltung haben wir also? Nach welchem König halten wir Ausschau? Welche Art von Macht imponiert uns? Und welche bewirkt in uns das Gegenteil? Ja, wie stellen wir sie uns eigentlich vor, die wahre Macht? Unsere Vorstellungen von der Macht - auch die von der göttlichen Macht, sind geprägt von Bildern, die uns im Laufe unserer Geschichte auf verschiedenen Wegen vermittelt wurden. Es gibt erwachsene, reife und es gibt unreife, naive, kindische Bilder der Macht. Es gibt heilsame Bilder der Macht, aber auch solche, von denen große Gefahr ausgeht, weil sie blenden, verführen und vergiften können. Und: leben wir nicht gerade in einer Zeit, in der solche Bilder der Macht aufeinander prallen und geradezu erbittert um unsere Seele kämpfen?
In diese heutige Zeit hinein spricht der Sacharja-Text und malt uns vor Augen das Bild eines Königs, der demütig auf einem Esel einzieht, um dem Kriegstreiben ein Ende zu bereiten und seine Friedensherrschaft zu verbreiten über die ganze Welt.
Dieses Bild mag nach den weltlichen Maßstäben eher als eine Karikatur daher zu kommen. Bis wir begreifen, dass diese vermeintliche Karikatur in Wirklichkeit das gewöhnliche, zur Schau gestellte Machtgehabe der weltlichen Könige karikiert. Gott, der sich uns als der kommende demütige Friedensfürst zeigt, öffnet so manchen die Augen für die wahre Größe und Macht und entlarvt damit zugleich die falschen Machtstrukturen.
Wie? Indem er zeigt, dass die wahre Größe etwas ganz Anderes ist, als die Besessenheit von der eigenen Macht. Dass die wahre Größe die eigene Macht nicht ängstlich hütet, sondern sie mit anderen teilt. Dass die wahre Größe die anderen Menschen ermächtigt und zur Mitverantwortung ruft, anstatt sie zu manipulieren. Die wahre Größe ist souverän und in ihrer Souveränität auch jederzeit bereit, sich klein zu machen.
Gemessen an diesem Friedensfürst, dem so menschlichen Gott-König, der da zu uns kommt, verkommen alle die Trumps, Putins oder Erdgans dieser Welt zu lächerlichen und oder bemitleidenswerten Figuren.
Advent ist die Zeit des Wartens, des Ausschau-Haltens, unterstützt und animiert durch biblische Bilder. Deswegen ist sie auch die Zeit einer Läuterung. Der Läuterung unserer Gottesbildes und damit unserer Erwartungshaltung. Es gibt Bilder, die können ungeheuer viel bewirken.
In einer tschechischen Sage wird von einem König erzählt, der sich immer wieder verkleidet als Bettler unter sein Volk begab, um die Wahrheit über den Zustand seines Landes zu erfahren. Als dies bekannt wurde, also dass der König von Zeit zur Zeit in Gestalt eines Bettlers unter ihnen weilt, haben die Menschen begonnen, die Bettler zuvorkommend zu behandeln. - Man konnte sich ja nicht mehr sicher sein, ob sich manch ein Bettler nicht plötzlich als König entpuppt. Da, wo ein König sich nicht zu schade war, ein Bettler zu werden, hat man angefangen, in den Bettlern mögliche Könige zu vermuten. So verschwand in dem besagten Königreich nach und nach die Armut. Das Bild eines armen Königs – und wie viel es doch bewirken kann.
- 6-
Die Bibel ist in diesem Sinne auch ein Bilderbuch. Sie ist voller Bilder, die die Augen der Menschen der jeweiligen Zeit heilen sollen. Sie werden im Laufe der biblisch dokumentierten Religionsgeschichte des Juden-Christentums immer radikaler. Die Adventszeit ist hier sozusagen das Finale dieser biblischen Bilderschau. Sie beginnt heute mit dem Bild Gottes als dem eines bescheidenen Friedensfürsten. Und in vier Wochen gipfelt sie in dem Erweis der überwältigenden Macht Gottes auf dem Gesicht eines Kindes. „Ich protestiere“ - rief mein Schüler Leo, als ich einmal im RU das Portrait eines Kindes als das Bild Gottes präsentierte.
Aber wie sonst sollen unsere Augen geheilt werden, wenn nicht so? Wenn wir nicht begreifen, wie viel Macht in dem Blick eines Kindes steckt, weil er die Menschen schlicht nur in nett oder nicht nett einteilt, ungeachtet deren Titeln, Rollen und Funktionen. Die wirklich Großen dieser Welt haben sich diesen kindlichen Blick bewahrt. Und vor diesem Blick dieser großen und kleinen Kindern zittern alle die machtbesessenen Fürsten dieser Welt. Denn, war das nicht ein Kind, das als erstes sah und rief: Der Kaiser ist nackt?
Möge uns Gott heile Augen schenken, damit wir ihn nicht übersehen, wenn er zu uns kommt in SEINER Macht. AMEN

Predigt im Weihnachtsgottesdienst am 24.12.2018 um 17.00 in der Bethlehem-Kapelle in Oranienburg
Liebe Gemeinde, das, was wir zu Weihnachten feiern und erinnern, ist ein Wunder. Ja, ein Wunder. Und: keine Angst – vor Ihnen steht nicht eines dieser frommen Gemüter, die ihnen bei der erstbesten Gelegenheit den „lieben Gott“ oder den „lieben Jesus“ um die Ohren hauen.
Ich bin als promovierte Theologin und als Wissenschaftlerin geübt im nüchternen kritischen Denken. Ich habe gelernt und praktiziere es auch: Ich treibe mein Denken aus Gründen der Redlichkeit um der Wahrheit und um Gottes Willen über die Schmerzgrenze der religiösen Befindlichkeit bis hin zur äußersten Konsequenz.
Und dennoch, oder besser gesagt, gerade deswegen spreche ich vom Wunder als der Wahrheit der Weihnacht. Und wenn Sie auf meine Wortwahl achten, dann haben Sie schon gemerkt, ich spreche vom Wunder – und nicht vom Spektakel, von Sensation, vom Event. Zwischen diesen beiden Kategorien besteht ein im wahrsten Sinne ein himmelweiter Unterschied.
Vielleicht erkennen Sie ihn, diesen Unterschied, selbst, wenn Sie jetzt auf das folgende Krippenspiel achten. Es handelt sich diesmal eher um ein Hörspiel, entwickelt von einem bekannten katholischen Theologen und Religionspädagogen Hubertus Halbfass. Lassen Sie uns zuvor ihm gemeinsam lauschen.
Wunder und Spektakel – was für ein himmelweiter Unterschied. Gerade wir gehören zu einer Generation, die - so wage ich zu behaupten – geradezu Spektakel übersättigt ist. Das Fernsehprogramm ist ja voller Sensationen, Events und Spektakel. Nicht mal die Nachrichten kommen ohne sie aus. Das, was mit Massenanziehenden Auftritten von dem großen Magier David Cooperfield, Queen, Madonna, oder meinetwegen auch Helene Fischer anfängt, wird fortgesetzt bei den Auftritten der PolitikerInnen, verwendet beim Wahlkampf, beim Papstbesuch, aber auch bei Sportevents oder bei Kaufveranstaltungen.
Nicht nur die mediale Landschaft, sondern auch die Wirtschaft setzt auf die Kraft des Spektakels. Und so gibt es mittlerweile nicht nur kein Auto, sondern keine Zahnbürste, keine Schokolade und kein Joghurt, kein beworbenes Produkt, welches nicht umgeben würde von der Aura des Magischen, Glücksbringenden, heile Welt Verheißenden.
Ganz lapidar gesagt: Wir können uns kaum bewegen vor lauter Spektakeln. Nicht umsonst warnen kluge Menschen vor der sogenannten Reizüberflutung, also der Gefahr der sinnlichen und geistigen Abstumpfung durch Überlastung.
In der Religionsgeschichte der Menschheit mangelt es auch nicht an Events und Sensationen. Wer von Ihnen sich schon einmal mit ägyptischer, griechischer oder auch germanischer Mythologie beschäftigt hat, der oder die hat sicher jetzt noch vor Augen all die blutigen Kämpfe, die kosmischen Explosionen, die Weltkatastrophen, die Himmelserscheinungen, die göttlichen und widergöttlichen Mächte, die ihre Stärke auf faszinierende Weise unter Beweis stellten. Die Mythologien der großen Kulturen wurden alljährlich rituell nachgespielt und versetzten über Jahrtausende Menschen immer wieder ins Staunen.
Das, was wir heute machen, ist nichts anderes: Wir wiederholen, spielen nach, schauen und hören zu, einer Geschichte, deren Strahlkraft wir uns in unserer kulturellen Identität verdanken. Nur stehen wir im Vergleich mit den von mir aufgezählten Religionen ziemlich blass da, finden Sie nicht? Denn sehen ab wir von einigen netten literarischen Versuchen der beiden Evangelisten (Lk und Mt), die Geschichte um die Geburt Jesu doch etwas peppiger zu machen – hier die Engel, da ein Stern, da ein Kindermord - dann bleibt etwas ganz prosaisches übrig: Ein Säugling in einer Krippe. Mit diesem Bild betritt vor ca 2000 Jahren ein neuer Gott die Bühne der Weltgeschichte und will es mit allen anderen Göttern aufnehmen. Und: welch´ ein Wunder: Er arbeitet sich in der Tat bis an Spitze, und in unserem Teil der Welt gewinnt er auf der ganzen Linie.
Suchen wir die Erklärungen für den Sieg des christlichen Gottes erstmal nicht im Bereich der Soziologie oder der Politik. Gehen wir ganz an den Anfang, da, wo die ersten Christen als ein Häufchen Wunderlinge von allen Seiten belächelt wurden. Und sie wurden u.a. genau deswegen belächelt: Sie hielten das für ein göttliches Wunder, wofür ihre römisch-hellenistischen Zeitgenossen nur ein müdes Lächeln übrig hatten. Da liegt ein Kind gewindelt in einer Krippe uns sie sagen: Siehe, da ist Gott. Da hängt ein Mensch am Kreuz und sie sagen: Da ist Gott.
Wirklich verrückt. Ver-rückt. Denn mit diesen Behauptungen werden unsere Maßstäbe in der Tat ver-rückt, verschoben, und alle, die Augen haben um zu sehen, und Ohren zu hören, und Kopf um zu denken, fangen an, sich zu fragen: Vielleicht ist der Glaube dieser ChristInnen doch nicht so ein Unfug, wie ich dachte. Vielleicht haben sie doch Recht. Ist nicht das Kommen eines neuen Menschen in die Welt doch ein Wunder? Bekommt mit diesem neuen Menschen die Welt nicht eine neue Chance? Steckt nicht in diesen neuen Menschen, die wir Kinder nennen, nicht unsere ganze Hoffnung darauf, dass es in der Zukunft mit uns nicht nur schlecht ausgeht?
Ich schaue mir meine SchülerInnen an und denke und sage es auch: Vor mir sitzen Ärzte, Ärztinnen, Lehrer, Forscherinnen, Künstler, Politikerinnen und vieles mehr. Ich sage es ihnen und sehe, wie ihre Augen strahlen. Sie strahlen wie in dem Film: Gottes Werk und Teufels Beitrag …. Gute Nacht, ihr Prinzen von Wells, ihr Könige von England.
Der Unterschied zwischen Wunder und Spektakel lässt sich mit wenigen Sätzen beschreiben. Das Wunder birgt ein Geheimnis, das Spektakel ein Rätsel. Über einen Sonnenuntergang hören Sie nicht auf, zu staunen, selbst wenn ihn Ihnen irgendein naturwissenschaftlich oder physikalisch belesener Schlaumeier gerade erklärt hat. Ein Spektakel, z. B. Magie, verblasst, wenn wir das Rätsel dahinter gelöst haben. Es wird dann mit der Zeit immer gewöhnlicher. Das Geheimnis ist im Vergleich zum Rätsel nicht lösbar, wenn auch als solches begreifbar. Deswegen wohnt dem Wunder die Ewigkeit inne. Wunder ist das, was seit Hunderten oder Tausenden Jahren geschieht, uns aber immer wieder ins Staunen versetzt.
Die Geburt eines Kindes birgt das Wunder des unwiederholbaren Einmaligen und des wirklich neuen Anfangs als der Unterbrechung des festgefahrenen Laufs der Welt. Dieser Mensch wird das vielleicht ganz anders machen – diese Hoffnung wird in der Weihnachtsgeschichte klar ausgesprochen. Ich meine, nicht mehr klar für uns, die Menschen der Neuzeit, in der die Wahrheit auf die sogenannte Faktizität geschrumpft ist. Aber die Menschen der Zeit Jesu wussten ganz genau, was sie mit der Erzählung von einer Jungfrauengeburt anfangen können. Dieses Symbol bedeutete: Hier, in diesem Menschen fängt etwas ganz Neues an. In diesem Menschen setzt Gott einen neuen Anfang, er unterbricht den Lauf der Dinge, lässt die Welt eine neue Wendung nehmen und zeigt uns einen neuen Weg, ja, einen Ausweg aus unserer Misere. Deswegen liegt hier in der Krippe jemand ungeheuer Wichtiges.
Aber was verstehen wir schon unter „wichtig“? – Auch da hält uns die biblische Weihnachtsgeschichte einen Spiegel vor. Erinnern Sie sich daran, wo die Sterndeuter aus dem Morgenland den neugeborenen König zuerst suchen? – Ja, sie gehen selbstverständlich in den Palast des Königs Herodes. Und werden dann eines Besseren belehrt. Diese ganzen Attribute, die unsere Wichtigkeit vor der Welt ausmachen, zählen vor diesem Gott überhaupt nicht. Und wie lächerlich wir vor ihm wirken müssen, wenn wir uns etwas auf unseren Status oder Besitz einbilden. Und wie mächtig wirkt plötzlich ein so zartes, so zerbrechliches und ohnmächtiges Kind, wenn beim Anblick seines Lächelns auch dem härtesten Rabauke längst vergessene Zärtlichkeit ins Gesicht geschrieben steht. Und was erschüttert und allarmiert die Menschlichkeitsressourcen in uns mehr als ein leidendes Kind?
Die ungeheure Wichtigkeit dieser Menschen besteht also nicht nur in den in ihnen schlummernden neuen Möglichkeiten, sondern auch darin, dass sie schon jetzt, da sie nach unserem Ermessen noch nichts können, uns zu liebevolleren, zärtlicheren, umsichtigeren, ja zu menschlicheren Menschen machen. Wenn das kein Wunder ist…
Ich wurde einmal nach einer religionsphilosophischer Veranstaltung an einem Gymnasium mit folgender Kritik konfrontiert: „Wissen Sie, Ihr Vortrag hat mich enttäuscht, denn ich habe etwas ganz anderes erwartet. Ich dachte, wenn Sie von der Religion reden, dann kommen Sie auch auf Hexenverbrennungen, Okkultismus oder Magie zu sprechen, oder Sie sagen etwas vom heiligen Gral. Aber Sie reden so nüchtern und erzählen uns nichts von Wundern und so… .“
Seit dem versäume ich es nicht mehr, klar uns deutlich zu erwähnen, dass ich 1. an Wunder glaube und einige auch schon erlebt habe und dass ich 2. für das größte Wunder halte, wenn aus einem - entschuldigen Sie den Ausdruck – Arschloch ein Mensch wird. Gegen die Wunder der Menschlichkeit sind alle gefeierte sogenannte Wunder der Natur oder der Technik pure Anfängerkunst.
Liebe Gemeinde, selbst wenn wir an der Existenz Gottes zweifeln oder sie gar ganz ablehnen, es ist nicht meine Absicht, Ihnen den Gottesglauben einzutrichtern. Wenn es mir aber nur im Ansatz gelingen sollte, Ihnen ein wenig Respekt vor der hinter dem christlichen Glauben stehenden Idee abzuringen, dann ist es mehr als genug.
Ich habe einmal in der Straßenbahn dem Gespräch zweier Schuljungs gelauscht. Der eine fragte den anderen: Für welchen Gott wärest Du – für den, der einen Roboter erschafft, oder für den, der einen Hund erschafft? – Für den, der einen Hund erschafft, sagte der andere, ohne zu zögern.
Eine ähnliche theoretische Frage möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben: Vergessen Sie das Wort Gott und denken an das, was das Wichtigste sein sollte auf dieser Welt. Was würden Sie für die Stellung des Wichtigsten nominieren? Gewalt, Macht, Einfluss, Spaß, Fortschritt, Wachstum oder die Menschlichkeit? Entscheiden Sie sich für das Letztere, dann wünsche ich Ihnen, dass Weihnachten für Sie zu einem solchen Fest der Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit wird, voller Begegnungen, Bereicherung, Seelennahrung, wenn auch ohne Spektakel und sicher ohne Langeweile.
Amen.

