
Dr. theol. Katarína Kristinová
Dr. theol. Katarína Kristinová

Christlicher Atheismus
Predigt zu 1 Petr 2, 2 - 7
am 27. 07 2025 in Borgsdorf
Gnade sei Euch von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. AMEN.
„Aber dein Text ist wirklich der Hammer.“ – sagte mein Mann am Mittwochabend zu mir. Er meinte den heutigen Predigttext und bekundete damit nicht seine Bewunderung, sondern sein Mitgefühl. – „Die arme Gemeinde!“ – entgegnete ich – „Sie werden kaum etwas verstehen.“
Mit dieser Einleitung möchte ich Sie, liebe Gemeinde, nicht entmutigen, sondern eher vorbereiten. Und vielleicht auch ein wenig Ihren Ehrgeiz wecken, mit mir zusammen eine kleine Expedition in die antike Gedankenwelt zu unternehmen.
Diese Welt ist uns fremd, und die Aufgabe des Predigers oder der Predigerin ist unter anderem eine Übersetzungsleistung. Der Sinn einer guten Übersetzung ist, wie wir alle wissen, dass Menschen das Gesagte oder das Geschriebene verstehen und nachvollziehen können.
Im Falle der biblischen Texte handelt es sich um eine zweifache Übersetzung. Erstmal um die Übersetzung aus der jeweiligen Sprache ins Deutsche. Heute ist es das Altgriechisch, die zur Zeit des jungen Christentums vorherrschende Sprache der damaligen antiken Welt, somit auch die Sprache des NT.
Der zweite Übersetzungsschritt ist vielleicht aber noch schwieriger und auch entscheidend. Es ist der Schritt über die lexikalische Bedeutung der Worte hin zu dem Sinn des Textes, also zu dem, was eigentlich gemeint ist.
So kann beispielsweise im Falle der deutschen Sprache der Nicht-Muttersprachler zwar wissen, was ein Schmetterling und auch was ein Bauch ist. Aber trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, wird es ihn oder sie verwirren, wenn jemand von den „Schmetterlingen im Bauch“ redet.
Und so ist es auch mit der „Wolke sieben“, mit dem „gebrochenen Herzen“, dem „Stein, der uns vom Herzen fällt“ und, und, und…
Die Welt der griechischen Antike hatte auch ihre eigenen Ausdrücke und Sprachwendungen, die dem Menschen der damaligen Zeit selbstverständlich vertraut waren. Doch um genau diese Formulierungen zu verstehen, brauchen wir heute Hilfe der theologischen Wissenschaft, die uns das Denken der damaligen Zeit nahebringt. Ohne diese Hilfe würden wir vor den meisten biblischen Texten nur ratlos stehen bleiben, oder müssten sie willkürlicher Spekulation überlassen.
In dem heutigen Predigttext wimmelt es nur so vor Symbolik, die in unseren Ohren befremdlich klingt. Hören Sie selbst - ich lese aus dem 1. Petr, dem 2. Kap die Verse 2 bis 7 in der Übersetzung Martin Luthers:
„und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, auf dass ihr durch sie wachset zum Heil, 3 da ihr schon geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. 4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. 6 Darum steht in der Schrift: »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar. Für die aber, die nicht glauben, ist er »der Stein, den die Bauleute verworfen haben; der ist zum Eckstein geworden«“ (Ich habe den Text aus Verständlichkeitsgründen gekürzt und konzentriere mich bei der Auslegung nur auf zwei der vielen Bilder bzw. Gedanken.)
Das erste Bild: Die Rede von der vernünftigen Milch, nach der die Adressaten des 1. Petr begierig sein sollen, war in der Tat den Menschen damals geläufig. Im griechischen Text steht das Wort „logikos“. Wir haben es auch übernommen und reden von der Logik, von logischen Zusammenhängen und dergleichen. Bloß: Wie kann eine Milch logisch sein?
Diese Gebrauchsweise hat ihren Ursprung in den heidnischen Religionen, wo die weibliche Gottheit eben auch als stillende Mutter dargestellt wird, die ihre Kinder, also die Gläubigen mit Milch versorgt. Diese vernünftige Milch – das sind die geistigen Wahrheiten und Glaubensinhalte, mit deren Hilfe der Mensch zu einer reifen religiösen Persönlichkeit wächst.
Mit anderen Worten: Wir leben nicht allein vom Brot, sondern bedürfen auch der Nahrung für unsere Seele, also eine Art geistige und geistliche Milch, die uns als Persönlichkeiten wachsen lässt.
Was die geistige Nahrung anbetrifft, werden wir heutzutage von diversen Angeboten geradezu bedrängt. Innerhalb der medialen Flut, welcher wir Tag und Nacht ausgesetzt sind, überwiegt eher die billige geistige Kost, welche der Seele schadet und den Menschen abstumpfen lässt. Auch hier – wie bei der materiellen Nahrung – gilt: Das, was wir zu uns nehmen, muss Substanz haben.
Wenn man Gott einmal geschmeckt hat, ist es wie mit einem erlesenen Wein. Das süße billige Zeug kann man danach nicht mehr trinken.
Wenn man Gott auf den Geschmack kommt, lässt man sich nicht mit noch so verlockend servierten Billignahrung abspeisen.
Ich unterstelle Ihnen, dass Sie heute hier sind, weil Sie Ihrem Bedürfnis nach geistiger Nahrung gefolgt sind. Sie hätten sich ja auch anders entscheiden können. Denn: Während wir wenige miteinander Gottesdienst feiern, jubeln beispielsweise ganze Massen zur Schlagermusik im ZDF-Fernsehgarten.
Aber Sie sind hier. Und es ist meine und unsere Verantwortung, dass Sie nicht hungrig nach Hause gehen.
Das zweite Bild: »der Stein, den die Bauleute verworfen haben; der ist zum Eckstein geworden« - so steht es im V7.
Ecksteine. In Norddeutschland und Skandinavien kann man sie noch manchmal sehen: Kirchen aus groben scheinbar unbehauenen Steinen. Nur in dieser Gegend gibt es solche Steine, Überbleibsel aus der Eiszeit. Das Wasser der Gletscher hat sie glattgeschliffen.
Die Steine, die man meist auf dem Feld fand, eigneten sich sehr gut zum Bauen. Da sie nicht regelmäßig waren, brauchten solche Mauern zusätzliche Stabilität.
Diese erhielten sie von den Ecksteinen: längliche Feldsteine, die an der Ecke der Mauer abwechselnd nach rechts oder links verlegt wurden. Manchmal setzte man farbige Steine dafür ein. Also: Ein Eckstein gibt einem Gebäude Stabilität, er hält im gewissen Sinne das Bauwerk zusammen.
So sucht auch die junge Gemeinde in Kleinasien, der heutigen Türkei, vor knapp 2000 Jahren nach Halt und Zukunft im Leben. Was sie von Jesus hören, damit lässt sich leben. Doch dieser in den Augen der Umwelt absurde Glaube an einen Gott, der des schändlichsten Todes am Kreuz stirbt, macht sie zu Außenseitern, zur Zielscheibe von Hohn und Spott, von Verfolgung und Repressalien.
In ihrer Umwelt kommen sie in Verruf als Naivlinge, die einem Gekreuzigten nachfolgen, als Weltfremde, welche den in der damaligen Welt geltenden Maßstäben entsagen, oder als Verräter des römischen Kaisers, der sich selbst für Gott erklärt und auch als solcher verehrt wird.
Weil sich die ersten Christinnen und Christen dem vom römischen Staat verordneten Personenkult verweigern, werden sie „atheoi“ genannt.
Sie sind atheoi, Atheisten, Ungläubige, denn das, worauf sie setzen, sei kein richtiger Gott. Mit diesem Jesus könne man keine geistige Heimat bauen. Er sei als Baustein unbrauchbar.
Die ersten Christinnen und Christen als Atheisten? Wie geht das? – Es liegt im Wesen des Glaubens, dass er immer auch eine Kehrseite hat – den Unglauben.
Indem ich an etwas glaube, verweigere ich mich immer zugleich etwas Anderem, ich entziehe ihm mein Vertrauen und meine Verehrung.
Wir werden heute vielfach als naive und rückständige Gläubige belächelt, doch kaum einer realisiert, dass wir zugleich auch atheoi, Ungläubige sind. Denn unser Glaube an Gott Jesu Christi macht uns gleichsam misstrauisch und ungläubig in Hinblick auf die Götter, denen die heutige Welt unkritisch huldigt.
Ja, ich spreche von den Göttern, denn ich bin der Überzeugung, dass mit der neuzeitlichen Absage an Gott die Welt nicht gott-los geworden ist, sondern im Gegenteil. Es sind nicht weniger, sondern mehr Götter. Und sie sind noch um einiges mächtiger, da ihnen der vermeintlich aufgeklärte, an den eigenen Unglauben glaubende Mensch hilflos ausgeliefert ist.
Wie der Philosoph Max Weber schreibt: "Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und Beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf. (Max Weber - Wissenschaft als Beruf, München und Leipzig 1919, Seite 28.)
So ist der Glaube an den menschlichen Gott Jesu Christi beispielsweise ein klarer Widerspruch zum Gott der menschenverachtenden Gewalt. Auch bleibt eine Christin oder ein Christ unberührt von der überall präsenten Religion des Konsums, und äußerst skeptisch gegenüber dem Gott des Profits und des Wachstums. Der Glaube an den Gott Jesu Christi durchschaut den Machbarkeitswahn des modernen Menschen als einen naiven Aberglauben und eine gefährliche Illusion. Er verabscheut den Gott der billigen Harmonie, die die Schreie der Leidenden übertönen soll.
So macht der Glaube an den Gott Jesu Christi frei von den Göttern der Welt und verleiht Mut, gegen diese und gegen deren Doktrin anzukämpfen.
Aktuell wird die Stimme des menschlichen Gottes übertönt von den reißerischen Marktstimmen der modernen Gottheiten, die um die menschliche Seele konkurrieren.
Doch unsere Seele kriegen sie nicht.
Denn sie gehört schon einem und dort weiß sie sich in guten Händen. Wir bauen auf etwas, was unvergleichlich kostbar ist. Und leben von einem Wort, das die Seele nährt und uns mit dem Tod versöhnt.
Möge Sie und uns diese Gewissheit tragen, stärken und trösten auf allen unseren Wegen. AMEN