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"Licht werfen"
Predigt zu Römer 13, 8 - 12 am 30.11.2025 (1. Advent)
in der Evangelischen Kirche Borgsdorf 

Gnade sei Euch von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. AMEN.

I.

Liebe Gemeinde, heute ist ein Text aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer von Interesse. Bevor ich ihn verlese, möchte ich Ihnen doch etwas Wichtiges in Erinnerung rufen. Der Römerbrief hat eine besondere Stellung in unserer protestantischen Geschichte. Hier fand einst Martin Luther die Stelle, welche den Impuls gab zu seiner sogenannten reformatorischen Entdeckung. Unter dem Eindruck der Aussage im 1. Kap Vers 17 – „Der Gerechte wird aus Glauben leben“, kam es zu einer radikalen Veränderung des Gottesbildes und schließlich zur Entstehung des Evangelischen Christentums. Eine zweite wichtige Zäsur in der Kirchengeschichte ist der Römerbriefkommentar des Schweizer Theologen Karl Barth, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Beststeller wurde (das waren ja noch Zeiten als Theologie der Welt noch etwas zu sagen hatte) und zu einer theologischen Wende geführt hat. Der Römerbrief hat dank dieser seiner Wirkungsgeschichte eine besondere Stellung innerhalb der biblischen Schriften.

Unser Predigttext steht im 13 Kap des Römerbriefs, ich habe ihn aus Verständlichkeitsgründen gekürzt und lese die Verse 8, 10 und 12 in der Übersetzung Martin Luthers:

„8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 10 So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.“

II.

Liebe Gemeinde, das Licht. Ein uraltes, ein starkes Symbol, das uns auf Schritt und Tritt in der Bibel begegnet. Die ersten Worte, die Gott spricht, lauten: Es werde Licht. Gott wirft ein Licht auf das ursprüngliche Chaos, und schon geht das große Sortieren los, welches aus diesem chaotischen Allerlei eine wohlgeordnete Welt macht.

Gott selbst wird als Licht bezeichnet, sein Wort als das Licht der Welt, welches es mit der Finsternis aufnimmt, wessen Zeuginnen und Zeugen wir sein sollen.

Doch nicht nur die Bibel arbeitet mit der Lichtmetaphorik, sondern auch unsere Alltagssprache, die sich nicht selten bei der Bibel bedient. So sagen mir bis heute Menschen, die die Bibel gar nicht so richtig kennen, ich solle „mein Licht nicht unter den Scheffel stellen“.

Neben dem geht uns immer das Licht auf, auch rücken wir gerne etwas in das rechte Licht, manchmal sehen wir das Licht am Ende des Tunnels. Wenn wir geboren werden, erblicken wir gleichsam das Licht der Welt. Wir stehen nicht gerne im schlechten Licht, dafür aber umso lieber im Rampenlicht. Wir geben oder bekommen grünes Licht, fahren mit Blaulicht, heilen mit Rotlicht, bilden ungern das Schlusslicht, usw. und so fort.

Und auch mein Ziel für heute lässt sich mithilfe der Lichtsymbolik formulieren: Ich würde mir wünschen, dass Sie nach der Predigt sich selbst, die Welt und vielleicht auch Gott in einem neuen Licht sehen.

III.

Heute, am 1. Advent, stehen wir am Beginn eines neuen Kirchenjahres. Mögen Sie Neuanfänge? Sind Sie schon mal dem Zauber des Neuanfangs verfallen? Ob es sich um ein neues Zuhause nach dem Umzug, um eine frische Verliebtheit, oder nur schlicht eine neue Anschaffung für Leib oder Seele handelt – jede dieser Innovationen fühlt sich an, als würden wir gewissermaßen ein neues Leben beginnen.

Viele Hoffnungen werden in die Ankunft eines neuen Menschen in die Welt gelegt. Nicht selten verschafft die Kindergeburt einer mit der Zeit festgefahrenen Beziehung einen neuen Antrieb. Aber auch die enttäuschten Selbstverwirklichungswünsche der Eltern leben wieder auf und werden leider oft auf das Kind übertragen. Ich sage: leider. Denn diese Art der Wunschübertragung ist meist eine schwere Bürde. Das Kind wird so zum unfreiwilligen Erlösungsbringer für die gescheiterten Lebensentwürfe der Eltern. Ihm fehlt die Freiheit eines eigenen Lebensentwurfs und das Recht auf Individualität.

Auch philosophisch gilt die Kindesgeburt als ein wichtiges Ereignis. Die Philosophie ist die Wissenschaft der radikalen Fragen. Einer solchen ist der jüdische Philosoph Hans Jonas nachgegangen: Warum sollten wir eigentlich Kinder in die Welt setzen? – fragt er. Er stellt diese Frage noch unter dem Eindruck der Katastrophe des 2. Weltkriegs, die ja auch zum totalen Fiasko der zuvor so optimistischen menschlichen Selbsteinschätzung wurde. Jonas fragt also, ob es nicht besser wäre, wenn es die Menschheit gar nicht geben würde. Und er kommt zu folgender Antwort: Wir sollten doch Kinder kriegen, weil jeder neue Mensch eine potenzielle Retterin oder Retter der Welt darstellt. Mit jedem neuen Menschen kommt nämlich eine nie dagewesene Perspektive auf die Welt in die Welt. Und so kann ein neuer Mensch diese verschlissene, festgefahrene, dunkle Welt neu beleuchten, ganz neu und anders sehen und so vielleicht auch eine rettende Lösung da erblicken, wo wir bisher keine sahen.

IV

Aber: Kann bloße Sicht, bloßer Blick, bloßer Perspektivenwechsel wirklich etwas ändern? Ich behaupte, ja. Denken wir nur an die Menschen, die in uns einmal etwas Wertvolles, Einmaliges gesehen haben und an uns glaubten, als es sonst keiner tat, nicht mal wir selbst. Wo wären wir heute und was wären wir heute ohne diesen rettenden Blick unserer Eltern, Lehrerinnen oder Freunde? Ein liebender Blick kann alles neu machen.

„Siehe, ich mache alles neu“ – so lautet die Verheißung Gottes, dessen Blick in der Advents- und Weihnachtszeit dem Blick eines Kindes gleicht.

Haben Sie schon einmal den Blick eines Kindes auf sich bewusst ruhen lassen? Ich meine den Blick eines Kleinkindes, welches noch nicht um unsere Konventionen weiß und deswegen die Augen nicht verschämt abwendet, auch kein höfliches Lächeln aufsetzt, und auch nicht errötet, sondern mir einfach ruhig und lange ins Gesicht schaut.

Was sieht sie oder er? Und was sieht sie nicht? Die letztere Frage ist leichter zu beantworten. Das Kind sieht nicht das, was wir sonst gerne der Welt präsentieren. Weder die üblichen Schönheitsmaßstäbe noch die Statussymbole sind für den neuen Menschen von Bedeutung. Alle die Masken, Funktionen und Rollen, die wir voreinander präsentieren und auf denen wir unsere Wichtigkeit aufbauen, existieren für das Kind nicht. Das Kind ist wie ein Gast aus einer anderen Welt, der mit der weltlichen Wertehierarchie absolut nichts anfangen kann.

Wenn das Kind aber nicht das sieht, worauf ich mir etwas einbilde, was sieht es dann? Folgende Geschichte könnte uns zu einer Antwort verhelfen:

In einer Kurzreportage aus der Merkel-Ära, wurde gezeigt, wie die Bundeskanzlerin einen Kindergarten besucht und zu den dortigen Kindern spricht. Die Idee, dass die Frau Bundeskanzlerin bei einem idyllischen Kita-Besuch von strahlenden Kinderaugen empfangen wird und zu den wissbegierigen Ohren etwas über die Politik erzählt, erwies sich als totaler Fehlgriff. Dass hier die mächtigste Frau der Welt zu ihnen redet, vor der die Erwachsenen um sie herum so viel Ehrfurcht haben, beeindruckte die kleinen Menschen nicht im Geringsten. Die fremde Frau mit ihren unverständlichen Worten wurde für sie schnell einfach uninteressant. Sie fingen an, sich zu langweilen und wandten sich nach einigen Minuten von dem prominenten Gast ab. Die Veranstaltung wurde zu einem Fiasko.

Das Problem lag in der radikalen Unterschiedlichkeit der Perspektiven. Kinder teilen bis zum gewissen Alter nicht unsere Wertvorstellungen. Der unvoreingenommene, konventionell unbelastete Blick des Kindes richtet sich auf nichts Oberflächliches, sondern auf unsere basale Menschlichkeit. Ist das ein netter Mensch oder nicht? Das ist das Einzige, was zunächst zählt.

Zunächst? Ich wage zu behaupten, die Qualität unserer Menschlichkeit, nach der der kindliche Blick sucht, ist das Einzige, was schließlich auch zuletzt zählt. Denn: Was bringen wir mit, wenn wir einmal vor Gott stehen sollten? Woran wir unser Wert vor Gott gemessen? Sicher nicht an den Überstunden, nicht am Kontostand, Funktionen, Verdiensten oder Titeln. Alles das, womit wir hier Anerkennung ernten, wir vor Gott wohl genauso viel zählen wie vor einem Kind. - Nichts.

Es ist ein wenig wie in dem Märchen von Kaiser neuen Kleidern. Unter dem unvoreingenommenen Blick des Kindes wird so manche konventionelle Bedeutsamkeit als Verlogenheit durchschaut und als nichtig entlarvt. Die Augen des Kindes ähneln den Augen Gottes. Sie durchdringen alle unsere Masken und stellen unsere Welt grundsätzlich in Frage. Die Konzentration auf nichts als unser Menschsein wertet der Blick Gottes die Welt radikal um und schafft sie gewissermaßen neu. Die neue Perspektive zeigt die Welt, wie sie ursprünglich Gott gemeint hat.

Das adventliche Warten auf die Ankunft Gottes setzt die Bereitschaft zu einem solchen Perspektivwechsel voraus. Probieren Sie es einmal aus: Schauen Sie sich die Welt mit dem Blick eines Kindes an. So ist schon manch einem das Licht aufgegangen.

Einen gesegneten ersten Advent! AMEN

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