
Dr. theol. Katarína Kristinová
Dr. theol. Katarína Kristinová

Predigtimpuls zum 30.11.2025, 1. Advent.
Römer 13, 8 – 12:
„Es werde Licht!“
Veröffentlicht in:
Auftrag und Wahrheit.
Ökumenische Quartalsschrift für Predigt, Liturgie und Theologie.
Historisch-kritische Hinweise
Den Brief an die Römer hat Paulus seinem Sekretär Tertius diktiert. Paulus befindet sich zur Zeit der Verfassung an einem entscheidenden Punkt seiner Missionsarbeit: Er plant eine Reise nach Spanien und will im Westen des Römischen Imperiums missionieren. In diesem Zusammenhang möchte er auch Rom besuchen. Er möchte zu den Christinnen und Christen dort sprechen und sie zugleich als Unterstützer bei seinen Reiseplänen gewinnen. Mit seinem Brief möchte er sich den dortigen Christinnen und Christen vorstellen. Diese werden nicht als „Gemeinde“ angesprochen, da es sich womöglich um mehrere kleinere (Haus)gemeinden handelte, die zu der Zeit in der Hauptstadt des Reiches aktiv waren. Es handelte sich überwiegend um Heidenchristen, von denen nur ein kleiner Teil Paulus persönlich bekannt war. Als die Verfassungszeit des Röm wird das Jahr 56 angegeben.
Inhaltlich besteht Röm aus zwei Teilen. Der erste Teil beinhaltet Paulus´ Auslegung des Evangeliums, der zweite Teil widmet sich ethischen Themen. Im Letzteren (Röm 12 – 14) befindet sich unser Text. Röm gilt als „der umfangreichste und thematisch anspruchsvollste Brief des Paulus.“1 Das erklärt auch seine besondere Auslegungsgeschichte. Er war der Grundtext reformatorischer Theologie, dem Luther seine „reformatorische Entdeckung“ verdankt und von dem aus (zusammen mit der Lektüre des Gal) er seine „Rechtfertigungslehre“ entwickelte.
Unsere Perikope hat folgenden Aufbau: Nach dem Aufruf zur Nächstenliebe und dessen Begründung mit einem Rückgriff auf die Schrift (Dekalog) macht Paulus deutlich: πλήρωμα οὖν νόμου ἡ ἀγάπη, die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes. Paulus argumentiert mit der Dringlichkeit der Zeit (καιρός) und verwendet ethisch-eschatologisch ausgerichtete Kontrastmetaphorik: Tag – Nacht, schlafen – wachen, Licht – Dunkelheit. Interessant ist die abschließende militaristische Symbolik (Waffen des Lichts).
Unser Text ist neben 1Kor 13 ein zentraler Liebestext des Paulus. Der Unterschied zwischen den beiden Stellen besteht darin, dass Paulus hier die Liebe nicht im Zusammenhang mit den Charismen, sondern in der Auseinandersetzung mit dem Gesetz bedenkt. Seine These von der Gesetzeserfüllung ist im Einklang mit der Verkündigung Jesu.
Assoziationen und Motive für die Predigt
Ich schreibe diesen Text in einem Ferienhaus im schönen Oberfranken. Die Tage sind deutlich kürzer geworden und die Dunkelheit hier auf dem Land ist noch eine echte, dichte pechschwarze Finsternis, in der die Sterne am Himmel besonders hell erstrahlen. Der Fußweg zum Ferienhaus ist ohne Taschenlampe nicht so gut zu bewältigen. Auch am Tor unseres Ferienhauses ist es dunkel. Obwohl ich sehr wohl weiß, dass unsere Vermieter dort einen Bewegungsmelder installiert haben, ist das Betreten der nach unten führenden Steintreppe für mich immer eine kleine Mutprobe. Ich hole tief Luft und mache blindlings einen beherzten Schritt in das Niemandsland der Dunkelheit. Jedes Mal rechne ich mit Möglichkeit, ins Leere zu tappen und von der Steintreppe zu fallen. Doch exakt in dem Augenblick, in dem ich den Schritt wage, geht das Licht an. Dieselbe Vertrauensprüfung erwartet mich noch einmal, einige Stufen weiter unten.
Diese allabendliche Herausforderung gibt mir zu denken. Vielleicht ist es auch im Glauben so, dass alles um uns herum erst dann erleuchtet, wenn wir den Schritt in die existentielle Finsternis bereits getan haben. Vielleicht bekommen wir das Licht nicht im Voraus, um uns nicht auf unsere eigene Kraft zu verlassen. Vielleicht bekommen wir das Licht nicht im Voraus, weil es sonst kein Glaube wäre.
Ich muss die Finsternis der Steintreppe betreten, als ob sie bereits beleuchtet wäre, und dann wird es Licht. Wir sollen handeln, als ob schon Tag wäre, und so wird der Tag. Ich handle menschlich, weil ich mir eine menschliche Welt wünsche. Und indem ich so handle, wird die Welt mit Gottes Hilfe auch so.
Paulus spricht von den Waffen des Lichts. Diese militaristische Symbolik verrät den Kontext des Kampfes. Die Symbolpaare in unserem Text bestätigen dessen dualistische Sicht der Welt, in der Licht und Finsternis, Tag und Nacht sich im Kampf um den Menschen gegenüberstehen, der wiederum hin- und hergerissen ist zwischen Schlaf und Wachsamkeit.
Diese Sicht der Welt schließt die Neutralität aus. Wenn wir im Licht leben, wird unser Handeln zur Waffe des Lichts, mit der die Finsternis bekämpft wird. Für die Finsternis ist das Licht eine Störung. Es verringert ihre Macht, indem es Verborgenes und Verschwiegenes sichtbar macht, die Lüge als solche entlarvt und das absurde Gesicht der vermeintlichen Normalität offenbart.
Darüber hinaus zeigt das Handeln im Licht, wie die Welt ohne die Macht der Finsternis sein könnte. Durch einen noch so kurzen Lichtstrahl erscheint vor unseren Augen die mögliche Welt Gottes. Und selbst wenn die Wellen der Dunkelheit sich wieder über unserem Kopf schließen, kann dieser Licht-blick nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Die aufgeleuchtete Möglichkeit kann Hoffnung wecken. Und wo Hoffnung auf mehr anwesend ist, dort geben sich Menschen nicht mehr zufrieden mit dem Vorhandenen. Sie werden unbequem, denn sie werden frei von der vermeintlichen Alternativlosigkeit der Finsternis.
So gesehen malt uns unser Text vor unseren geistigen Augen eine Skizze des Christentums, wie es sein sollte. Eines Christentums, welches Jesus Christus angezogen hat – die Waffe des Lichts schlechthin. Denn nichts schärft unseren Blick auf diese Welt so wie der gekreuzigte Gott. Nichts zeigt überzeugender, dass wer liebt, es nie in einem neutralen Raum tut. Er oder sie ist notwendigerweise im Kampf gegen die Finsternis mit hineingezogen. Auch Liebe ist Kampf.
Deswegen sind Christen keine Gutmenschen. Gutmenschen wollen moralisch auf der richtigen Seite stehen oder sich zurückziehen in den Bereich der Neutralität, in dem man nichts falsch machen kann. Deswegen bevorzugen sie, wenn es um ihren moralischen Kredit geht, die zuschauende Nichteinmischung, bei der man sich ihrer Meinung nach die Hände nicht schmutzig machen würde. Dort fühlen sie sich sicher und moralisch überlegen.
Ein Christ und eine Christin weiß um die Illusion der vermeintlichen Neutralität und riskiert auch die Verschuldung im Namen der Nächstenliebe. Das macht die Radikalität der Nächstenliebe aus. Damit wird die Liebe keineswegs relativiert oder parteiisch gemacht. Sie, die Liebe, gilt nach wie vor allen, nur bei den Kräften der Finsternis fühlt sich ihre heilsame Wirkung womöglich schmerzhaft an. Möge die Adventszeit unseren Blick für die Lichtereignisse der Liebe Gottes schärfen, die gottsehnsüchtige Unruhe unseres Herzens wecken und unsere Liebesbereitschaft stärken. Gesegneten Advent!
Lied-Empfehlungen:
EG 4 (Nun komm, Du Heiden Heiland)
EG 11 (Wie soll ich Dich empfangen)
EG 17 (Wir sagen Euch an den lieben Advent)
EG 16 (Die Nacht ist vorgedrungen)
EG 407 (Stern, auf den ich schaue)
Licht, Licht, Licht, es werde Licht, Text und Melodie: Clemens Bittlinger, Atem des Lebens 2014, Nr. 194.
Zitierte Literatur:
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https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/1-advent-roemer-13 - Autoren: Prof. Dr. Dr. hc Oda Wischmeyer (Einführung und Exegese); Prof. Dr. Traugott Roser (Praktisch-theologische Resonanzen) – Aufgerufen von K. Kristinová am 24.10.2025
Weitere empfohlene Literatur:
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Barth, K., Der Römerbrief 1922, Zürich (1940) 131984.
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Fredriksen, P.: Paul, the Perfectly Righteous Pharisee, in: The Pharisees, hg. J. Sievers and A.-J. Levine, Eerdmans 2021.
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Kleffmann, T.: Der Römerbrief des Paulus (theologisch-systematische Kommentierung des Röm), Tübingen 2022.
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Wischmeyer, O. / Becker, E.-M. (Hg.), Paulus. Leben – Umwelt – Werk – Briefe (UTB 2767), Tübingen 32021; darin. Wischmeyer, O., Römerbrief, 429-469. Dort S. 468f. weiter kurz kommentierte Literatur.
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Wolter, M.: Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8. EKKNF VI/1, Neukirchen-Vluyn 2014; Teilband 2: Röm 9-16. EKKVI/2, Neukirchen-Vluyn 2019.
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Lohse, E., Der Brief an die Römer. Meyers Kritisch-exegetischer Kommentar über das Neue Testament 4, Göttingen 2003.
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Wischmeyer, O., Liebe als Agape, Tübingen 2015.
Dr. Katarína Kristinová
1 https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe2/1-advent-roemer-13 (aufgerufen am 24.10.2025).