
Dr. theol. Katarína Kristinová
Dr. theol. Katarína Kristinová
"Mut zur Demut"
Predigt zu 1. Petr 5, 5b -11
am 28. 09. 2025
in Lehnitz
Gnade sei Euch von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. AMEN.
Liebe Gemeinde, der heutige Predigttext wurde schon einmal verlesen. Sie hören ihn von mir jetzt also das zweite Mal ebenfalls in der Übersetzung Martin Luthers. Ich lese aus dem 1. Petr, dem 5. Kap die Verse 5b bis 11:
5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter.
Alle aber miteinander bekleidet euch mit Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. 6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. 7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.
8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. 9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.
10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. 11 Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.
Liebe Gemeinde, Demut ist ein rares Gut. Ja, sogar so rar, dass es wohl besser wäre, wenn ich die Bedeutung dieses Wortes kurz in Erinnerung rufen würde. Demut, lat. Humilitas, griechisch ταπεινοφροσύνη (tapeinofrosyne) ist nicht mit Unterwerfung oder Schwäche zu verwechseln. Sie ist vielmehr eine respektvolle und ausgeglichene Haltung der richtigen Selbsteinschätzung, der Anerkennung des eigenen Platzes und der eigenen Grenzen. Damit ist die Demut oder die Bescheidenheit zugleich als Respekt vor allem zu bezeichnen, was die eigene Unzulänglichkeit übersteigt.
In einer Reportage aus dem Nahen Osten wurde eine junge muslimische Frau interviewt. Soweit ich mich erinnere, ging es um ihre Tätigkeit als Telefonistin. Sie war sichtbar eingeschüchtert, ängstlich und verunsichert angesichts der Herausforderung, gleich vor der ganzen Welt sprechen zu müssen. So hat sie, bevor sie auf die Frage des Reporters antwortete, ihren ganzen Mut zusammengenommen und ihre Rede mit folgendem Satz eingeleitet: „Im Namen Allahs, des Barmherzigen.“
Diese Szene, liebe Gemeinde, hat mich so gerührt, dass ich sie bis heute nicht vergessen kann. Offenbar habe ich da etwas vernommen, was menschlich so kostbar war und was ich in meiner damaligen wie heutigen Umwelt so sehr vermisse. Es war die Demut, welche diese Frau zeigte, und damit ihre beeindruckende menschliche Größe.
Sie stand wohl das erste Mal vor der Kamera und Angesichts der großen Verantwortung, jetzt die richtigen Worte finden zu müssen, rief sie sich Gottes Beistand ins Bewusstsein. Sie zeigte Demut vor der Herausforderung und damit das große Verantwortungsbewusstsein. Sie zeigte Demut vor Gott und damit das kluge Wissen um die eigenen Grenzen. Und nicht zuletzt zeigte sie Demut vor der Sprache und war damit so manchem Politiker, so mancher Predigerin von heute meilenweit voraus. Ihre Antwort war dann wohltuend klar, konzentriert und sachlich, und ich habe ihr in Gedanken applaudiert.
Demut ist zu einer raren beinahe unbekannten Tugend geworden in einer Gesellschaft, die uns lehrt, dass wir weiterkommen, wenn wir uns souverän inszenieren und gekonnt Kompetenz vorgeben. Doch der Unterschied zwischen Vorspielen und Sein wird mit der Zeit sowie mit tüchtiger Hilfe bestimmter Medien verwischt. Und so werden die für kompetent gehalten, die sich am überzeugendsten und am lautesten kompetent gebärden.
„Warum sind sich die Dummen bloß so sicher, und die Klugen so voller Zweifel?“ – seufzt der Philosoph, findet aber gleich darauf die richtige Antwort: „Weil nur die Klugen um ihre eigenen Grenzen wissen. Die Dummen halten sich naturgemäß für grenzenlos.“
Nicht demütig und klug, sondern arrogant und dumm sind wir geworden. Befeuert und bestätigt durch die Talkshow-Kultur (falls man überhaupt von Kultur sprechen kann) gehen wir dem Schein der Allwissenheit auf den Leim. Ein Volk von selbsternannten Experten und Expertinnen, die sich nicht scheuen, dem Bäcker zu erzählen, wie er backen, der Ärztin, wie sie operieren soll. Oder einem Politikwissenschaftler die politische Weltlage zu erklären. Und einen Theologen oder Theologin über Gott und das Christentum zu informieren.
Ich erinnere mich noch lebhaft an ein mediales Ereignis, das für mich eine Zeitenwende bedeutete. Ein Big-Brother-Teilnehmer namens Zlatko gewannt die Gunst der Öffentlichkeit, indem er unter anderem Shakespeare für einen modernen Sänger hielt.
Und sie schämten sich nicht – so habe ich einmal die geistige Atmosphäre der Postmoderne bezeichnet in ihrem Unterschied zu der biblischen Geschichte, in der sich die ersten Menschen ihrer Nacktheit schämen. Seit man in diesem Land sogar durch eine gehörige Portion Dummheit oder Dreistheit berühmt werden kann, steht es schlecht um die Demut. Was ist das für eine Welt, in der die Schamlosen prominent werden? – Nicht die Meine, und ich hoffe, auch nicht die Ihre.
Was für ein krasser Gegensatz zu dem bekannten Ausspruch eines Berühmten Philosophen: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Er ist kein Eingeständnis der eigenen Unwissenheit, sondern ein Zeugnis von der Unendlichkeit des Horizonts, die sich einem großen Geist eröffnet. Nur die großen Geister können Großes sehen, Kleingeister sind für das wirklich Große blind.
Arroganz statt Demut, Dreistheit statt Respekt, Einbildung statt Bildung – so sieht die Zeitenwende in einer Welt, die die Maßstäbe verloren hat.
Wo sind denn die Gesten der Demut geblieben? Der Demut vor der Größe des menschlichen Geistes, der Weite des menschlichen Herzens oder der Schwere der menschlichen Schuld, wie z. B. der berühmte Kniefall von Warschau. Freilich, keiner kann wissen, ob hinter dieser Demutsgeste von Willi Brandt nicht ein kluger Ratschlag eines Imageberaters stand, und ob es sich nicht um eine pure Inszenierung handelte. Doch wir wissen, dass in der Politik selbst die Inszenierung eine wichtige kommunikative Funktion hat und eine mutige Entscheidung erfordert. Da kniet der wichtigste Staatsmann eines Tätervolkes vor dessen Opfern und bittet sie um Vergebung. Die symbolische Botschaft dieser Geste ging um die Welt und schrieb sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Menschheit ein.
Es braucht Mut, um sich heute demütig zu zeigen. Der Umwelt zu offenbaren, dass man Fragen und Zweifel hat, dass man mit Staunen erfüllt ist, dass man ja, in vielerlei Hinsicht unzulänglich ist. Dies tun nur noch die Verrückten und die Kinder. Den Letzteren jedoch wird auch das mit Hilfe des kränkelnden Bildungssystems mit der Zeit ausgetrieben.
Da tröstet mich das Wort aus unserem Predigttext: Gott widersteht den Hochmütigen, die Demütigen aber erhöht er zu seiner Zeit. - Nicht der harmlos gutmütige himmlische Onkel spricht zu uns aus diesen Zeilen, aber auch nicht der mächtige Alleinherrscher, der spätestens durch Auschwitz unglaubwürdig geworden ist.
Es spricht der Unverfügbare heilige Gott, der jeglicher Arroganz der Macht eine natürliche Grenze setzt. Denn: Jegliche Machbarkeit endet dort, wo die Unverfügbarkeit beginnt.
Die Unverfügbarkeit ist ein aktuell hoch im Kurs stehender Begriff, ein modernes Äquivalent zu dem biblischen Begriff der Heiligkeit, dem Charakteristikum der Exklusivität Gottes. Die Unverfügbarkeit – so erkläre ich das meinen Studierenden – ist diejenige Dimension der Wirklichkeit, welche sich jeglicher Kontrolle des Menschen entzieht. Dort, wo der Glaube an Macht und Machbarkeit herrscht, ist sie nicht gerne gesehen und wird gerne geleugnet.
Doch nur ein existentiell blinder Mensch kann leugnen, was evident ist: Dass es zwischen Himmel und Erde Dinge gibt, die wir schlicht nicht in der Hand haben. So wie der Schnee im Winterurlaub, den manche glauben, mitgebucht zu haben.
Und dass es gerade die unverfügbaren Dinge sind, die unser Leben entscheidend prägen. So haben wir es uns nicht ausgesucht, wo, wann und als was wir geboren werden. Auch Gesundheit, Glück oder Zukunft liegen nicht in unserer Hand, egal, wie viele Versicherungen wir abschließen.
Ja nicht mal uns selbst haben wir in der Hand. Wir können nicht auf Knopfdruck anfangen, fröhlich zu sein, oder aufhören, uns zu ärgern. Unter uns: Mich macht die gut gemeinte Aufforderung „Ärgere Dich nicht“ noch ärgerlicher. Und wie sieht es aus mit unseren Mitmenschen? Ja, auch sie sind für uns unverfügbar. Man kann den Menschen zwar versklaven, manipulieren, beherrschen, sogar töten. Doch nie werden wir auf diesem Weg erreichen können, dass er oder sie uns aus freien Stücken vertraut oder uns liebt.
Jedem solch hochmütigen Versuch, die Macht über das Unverfügbare auszuüben, leistet der unverfügbare Gott selbst widerstand. Für mich eine unendlich tröstliche Vorstellung. Denn das heißt auch: Wie sehr sich alle die Putins und Trumps dieser Welt gottähnlich gebärden, in dem Entscheidenden werde sie immer auf Widerstand stoßen. Und der eigenen Menschlichkeit entkommen sie nie. Nicht sie, sondern Gott wird das letzte Wort behalten.
Seien wir also mutig und halten an der Klugheit der Demut gegen die Moden und Ängste dieser hochmütigen Zeit. Seien wir mutig und stehen zu unserer Menschlichkeit. Dann nämlich können wir uns gewiss sein, dass der menschgewordene Gott selbst uns nicht von der Seite weicht.
AMEN