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Predigtimpuls zu:  31.08.2025; 11. Sonntag nach Trinitatis

Hiob 23, 1 – 17: Revolutionär des Gottesglaubens

Veröffentlicht in:
Auftrag und Wahrheit. Ökumenische Quartalsschrift für Predigt, Liturgie und Theologie.

Historisch-kritische Hinweise

 

Das Buch Hiob gehört zur weisheitlichen Literatur der nachexilischen Zeit. Diese wird auch als Krisenliteratur bezeichnet, da sie das Zerbrechen des Tun-Ergehen-Zusammenhangs reflektiert.1 Das Buch dürfte „erst im Laufe des 5.-3. Jh. v. Chr. in weisheitlichen Kreisen entstanden sein. Es ist das Produkt einer langen Kompositions- und Redaktionsgeschichte, nicht das literarisch einheitliche Werk eines Autors.“2

Der Aufbau des Buches unterscheidet zwischen dem narrativen Rahmen und dem Dialogteil, die beiden unterschiedlichen Redaktionsstufen angehören. Den narrativen Rahmen bilden Prolog und Epilog. Diese „sind in Kunstprosa abgefasst, d.h. in einer sich zahlreicher poetischer Stilmittel bedienenden, aber nicht metrisch strukturierten Sprache. Insgesamt lässt sich die Rahmenerzählung als eine lehrhafte Novelle oder weisheitliche Lehrerzählung bezeichnen.“3

Die beiden Hauptteile unterscheiden sich voneinander auch in Hinblick auf die Hauptfigur, die sie vor Augen der Leserschaft malen. Während der Hiob des narrativen Rahmens als ein mustergültiger frommer Dulder dargestellt wird, ist der Hiob des Dialogteils ein leidenschaftlicher Kläger und Ankläger.4 Letzterer geht sogar so weit, dass er es nicht scheut, Gott als Feind, Gewalt- und Unrechttäter zu bezeichnen.5 Das Buch Hiob „kumuliert Gottesbilder der Gewalt wie kein zweites Buch im Alten Testament.“6 Und gehört trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen (!?), zum festen Bestandteil des biblischen Kanons.

 

Assoziationen und Motive für die Predigt

 

Hiob ist ein unbescholtener gottesfürchtiger Mann. Und er ist ein reicher Patriarch. Als ein Gerechter vor Gott wird er gesegnet mit Wohlstand und Gesundheit. Das passt zum Denken in einfachen klaren Strukturen: den Guten das Gute, den Bösen das Böse – der sogenannte Tun-Ergehen-Zusammenhang. Doch dann wird Hiob zum Spielball einer Wette zwischen Gott und dem Satan. Sein Glaube sei ja nur da, weil und sofern es ihm gut geht – behauptet der Satan. Sobald es schlecht um ihn stünde, würde auch seine Frömmigkeit dahinschwinden. Gott lässt sich auf die Wette ein. Alles darf Satan tun, um Hiob vom Glauben abzubringen, nur am Leben muss er ihn lassen.

 

„Beinahe gehört es in der Bibel zum guten Ton, wenn man auf einen Hügel steigt, seine Faust gen Himmel schüttelt und dem Weltschöpfer ordentlich seine Meinung sagt.“ - So beschreibt Hannes Stein den freiheitlichen Charakter des jüdischen Glaubens.7 Der Israelit und die Israelitin stehen selbst in ihrer Sündhaftigkeit aufrecht vor Gott und leben ihren Glauben, wenn nötig, auch als eine kritische Auseinandersetzung. Das tun sie nicht trotz, sondern dank ihres Glaubens. Laut diesem wurde der Mensch als Ebenbild und Partner Gottes geschaffen und also von Gott genau so gewollt. Vor allem der dialogische Teil des Hiob Buches ist eine radikale Manifestation dieses kritisch-diskursiven Charakters der Gott-Mensch-Beziehung, eine sprachgewaltige Kostprobe der herrschafts- jedoch nicht respektfreien Kommunikation zwischen Mensch und Gott.

 

Somit ist der jüdische und später folglich auch der christliche Glaube auf die Würde des Menschen angelegt. So verlangt auch Hiob nicht primär nach dem Ende seines Leids, sondern nach Erklärung und Darlegung dessen Sinnes. Er fordert ein Gespräch. Gott ist mir Rechenschaft schuldig! Er stellt Gott zur Rede, da er sich weigert, sich als lebloses und würdeloses Objekt behandeln zu lassen. Rebellierend tritt er heraus aus der Ohnmacht der Vergegenständlichung und insistiert, kämpft für sein Recht auf Begründung, auf Verteidigung, ja auf Diskurs und klagt somit seine Würde ein. Und: Indem Hiob seine Würde einklagt, vollzieht er sie zugleich.

 

Dass Gott nicht antwortet, dass er sich vor ihm verbirgt, empört ihn, und so macht er sich auf die Suche nach diesem schweigenden deus absconditus, dem verborgenen Gott, um dessen Schweigen zu brechen, ihn zur Rede zu bewegen. Denn ein Gott, der Kommunikation und Beziehung verweigert, wird zu einem Ungeheuer, dessen gleichgültige Willkür ihn zum Feind des Menschen und zum Gewalttäter machen würde. Der apathische Gott der Spätantike oder das kalt-gleichgültige Universum des atheistischen Materialismus können uns als Beispiele einer resignierten Existenz angesichts des Ungeheuren dienen. Diese Konsequenz hat Hiob vor Augen und protestiert gegen sie mit aller Kraft. Denn nicht nur seine Würde, sondern auch Gottes Göttlichkeit droht durch den kommunikativen Beziehungsabbruch abhanden zu kommen.

 

Hiobs Klage und Rebellion bewirkt geradezu eine Explosion der Sprache und deren Bilder. Und sein verzweifelter Mut lässt ihn sogar mehrfach die Grenzen dessen überschreiten, was viele bereits als Blasphemie bezeichnen würden. Das alles wagt das Buch Hiob, indem es für das Klagerecht kämpft und die Menschenwürde Leidender verteidigt.8 Zugleich richtet sich sein Protest gegen die Sinnlosigkeit, welche sich in Folge von Gottes Abwesenheit der menschlichen Wirklichkeit bemächtigen würde.

 

Unter der wütenden Verzweiflung Hiobs bleibt stets eine Tiefenschicht des Glaubens spürbar, eines Glaubens daran, dass man das alles Gott zumuten kann, ja zumuten muss. Zudem kämpft er mit Gott um dessen eigene Würde und Göttlichkeit. In dieser Hinsicht ist das Buch eine dramatische Hymne auf die unüberbietbare Größe der Menschlichkeit sowie der Göttlichkeit.

 

Vielleicht braucht Gott unseren Widerspruch – sagte sinngemäß Bischof Christian Stäblein auf dem 39. Evangelischen Kirchentag in Hannover. Nach einem solchen Gott verlangt Hiob: Gott, der in seiner Größe und Souveränität weder Diskurs noch Widerspruch scheut. Gott, der die mündige Freiheit des Menschen nicht fürchtet, sondern begrüßt und dieser um seinetwillen bedarf. Hiobs Anspruch zeichnet das Bild eines Gottes, der allein Gott genannt zu werden verdient. Denn hinter einem mündigen Menschen kann nur ein Gott stehen, der frei macht – auch von sich selbst. Hiob glaubt Gott als einen solchen und will von diesem Glauben nicht ablassen. Und deswegen hört er nicht auf, ihn als einen solchen anzurufen. Darin unterscheidet sich sein Gottesbild von der Gottesvorstellung seiner vier theologischen Freunde. Es kommt hier zum Konflikt zweier Gottesbilder. So markiert und bezeugt das Hiobbuch eine sich anbahnende Wende in der Entwicklung des Gottesbildes, die in der jüdischen Glaubenstradition bereits ihre Wurzeln hat. Und diese Entwicklung innerhalb des jüdisch-christlichen Monotheismus auf einen radikal menschlichen Gott hin ist auch dank des Buches Hiob nicht mehr aufzuhalten.

 

Recht hat Hiob gesprochen – sagt Gott zum Schluss und disqualifiziert damit zugleich die Argumente seiner Freunde, welche für sklavische Demut vor einem unmenschlichen Himmelsdiktator plädierten. Indem Gott Hiob antwortet, gesteht er ihm seine Würde zu und erhebt ihn damit über „den Staub“ (Hi 42, 6).9 Er macht ihn zum Menschen im vollen Sinne.

 

Ja, vielleicht braucht Gott unseren Widerspruch. Denn durch ihn vollzieht sich zugleich auch seine Würde, die Würde der wahren Göttlichkeit, deren Größe durch die radikale Freiheit seiner Geschöpfe nicht geschmälert, sondern demonstriert und realisiert wird. So wächst er an uns und wir an ihm. Nur wer wächst, kann nicht übertrumpft werden. Deswegen bleibt der lebendig menschliche Gott stets unüberbietbar.

 

Lied-Empfehlungen:

Wochenlied: EG 299: Aus tiefer Not schrei ich zu dir

Weitere Vorschläge: EG 365: Von Gott will ich nicht lassen; EG 357: Ich weiß, woran ich glaube; EG 199: Gott hat das erste Wort; EG 157: Lass mich dein sein und bleiben; EG 138: Gott der Vater steh uns bei

 

Zitierte Literatur:

  1. - Gerlinde Baumann, Gottesbilder der Gewalt im Alten Testament verstehen, Darmstadt 2006

  2. - Hannes Stein, Endlich Nichtdenker! Handbuch für den überforderten Intellektuellen, Frankfurt am Main 2004.

  3. - Markus Witte, Art. Hiob/Hiobbuch, in: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (www.wibilex.de), 2007, unter: https://www.die-bibel.de/ressourcen/wibilex/altes-testament/hiob-hiobbuch (dort: Artikel als PDF!), aufgerufen am 07.05.2025.

  4. - Erich Zenger, Ijob – ein Lebensbuch für Leidende und Mit-Leidende, in: Ders., Mit Gott ums Leben kämpfen. Das erste Testament als Lern- und Lebensbuch, hg. v. Paul Deselaers und Christoph Dohmen, Freiburg im Breisgau 2020, 399-406.

 

Zudem empfohlene Literatur:

  1. - Alexander Deeg, Andreas Schüle, Die neuen alttestamentlichen Perikopentexte. Exegetische und homiletisch-liturgische Zugänge, Leipzig 22018.

  2. - Jürgen Ebach, Beredtes Schweigen. Exegetisch-literarische Beobachtungen zu einer Kommunikationsform in biblischen Texten, Gütersloh 2014.

- Joseph Roth, Hiob. Roman eines einfachen Mannes, (Berlin 1930) Frankfurt am Main 2014.

  1. - Heinz Zahrnt, Wie kann Gott das zulassen? Hiob – der Mensch im Leid, München (1985) 61996

1 Vgl. Baumann, 142.

2 Witte, 9.

3 Witte, 8.

4 Vgl. Baumann, 139.

5 Vgl. Baumann, 142.

6 Baumann, 146.

7 Stein, 124.

8 Vgl. Zenger, 405.

9 Vgl. Baumann, 151.

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